Orgelbauer arbeitet in einer Werkstatt an einer Orgelpfeife; er trägt Schutzhandschuhe und eine Schürze
Die aktualisierte Technische Regel für Gefahrstoffe (TRGS) 505 „Blei“ betrifft auch den Bau und die Restauration von Orgeln.

Herr Böttcher, Herr Endres, warum beschäftigt das Thema Blei Ihre Branche so intensiv?

Christoph Böttcher: Für den Orgelbau ist Blei kein beliebiger Werkstoff. In den Pfeifenlegierungen erfüllt es eine wichtige klangliche Funktion. Noch wichtiger ist es aber für die Restaurierung historischer Instrumente. Ohne Blei wäre die Reparatur und denkmalgerechte Erhaltung vieler Orgeln kaum möglich. Das hätte den Erhalt eines Kulturguts gefährdet, das seit dem Jahr 2017 als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt ist. 

Christoph Endres
Christoph Endres, Metallblasinstrumentenmachermeister, Bundesinnungsmeister beim Bundesinnungsverband (BIV) für Musikinstrumentenbau, Inhaber von Blech IN Nürnberg
Christoph Endres: Bei den Metallblasinstrumenten ist die Situation ähnlich. Wir arbeiten mit bleihaltigen Loten und teilweise auch mit reinem Blei im Herstellungsprozess. Als neue Grenzwerte und Regelungen im Rahmen der Technischen Regel für Gefahrstoffe, TRGS, 505 „Blei“ angekündigt wurden, bestand die Sorge, dass Anforderungen entstehen könnten, die für kleine Handwerksbetriebe praktisch nicht umsetzbar sind und enorme Kosten nach sich ziehen. Die Forderungen waren teils sehr abstrakt, sodass für viele Kolleginnen und Kollegen nicht klar war, wie sie überhaupt sicher und regelkonform weiterarbeiten können.

Ihre Berufsverbände haben sich Unterstützung bei der BG ETEM geholt. Wie sah die Zusammenarbeit aus?

Christoph Böttcher
Christoph Böttcher, Obermeister der Musikinstrumentenbauer in NRW, Delegierter des BDO, Inhaber von Orgelbau Willi Peter in Lindlar
Böttcher: Die Zusammenarbeit meiner Branche mit der Berufsgenossenschaft reicht weit zurück. Wir haben bereits bei anderen Themen gemeinsam Standards entwickelt oder Vorgaben für die Praxis übersetzt, etwa beim Umgang mit Schimmel in historischen Orgeln. 

Deshalb gab es etablierte Kontakte und ein großes Vertrauensverhältnis. Wir schätzen das branchenspezifische Fachwissen der BG. Als die neuen Bleiregelungen konkret wurden, hat uns die BG ETEM frühzeitig auf die Problematik aufmerksam gemacht.

Endres: Die aktualisierte Fassung der TRGS 505 enthält unter anderem an EU-Richtwerte angepasste Luftgrenzwerte und Obergrenzen für den sogenannten Blutbleispiegel von Beschäftigten. Wir sind deshalb von der Innung aus in die Offensive gegangen und haben zwei Dinge organisiert: ein Blutmonitoring für Beschäftigte und – gemeinsam mit der BG ETEM – Gefahrstoffmessungen in der Luft. Ziel war es, belastbare Daten zu bekommen: Passt das für uns? Schließlich wollten wir nicht über Vermutungen diskutieren, sondern über Fakten. 


„Wir sind in die Offensive gegangen und haben Gefahrstoffmes­sungen durchführen lassen, um vor dem Gesetzgeber mit validen Zahlen aufwarten zu können.“

Christoph Endres


Die Unterstützung der BG war enorm wichtig, denn solche Messungen wären für einzelne Betriebe kaum finanzierbar gewesen. Umgekehrt kann die BG ETEM im Sinne ihres Präventionsauftrages auf Basis der Messdaten Handlungsempfehlungen für die Branche ableiten.

Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit?

Endres: Sehr positiv. Die BG ETEM hat die Branche ernst genommen und gemeinsam mit uns nach Lösungen gesucht – unbürokratisch und praxisorientiert. Am Ende entstand mit der Publikation DGUV Fachbereich Aktuell „Tätigkeiten mit Blei im Musikinstrumentenbau in den Bereichen Orgelbau und Metallblasinstrumentenbau“ eine Orientierungshilfe, die exakt auf unsere Arbeitsabläufe zugeschnitten ist und uns hilft, die Vorgaben der TRGS 505 konkret umzusetzen. Das schafft Rechtssicherheit. Wenn heute Fragen auftauchen, können wir auf konkrete Handlungsempfehlungen zurückgreifen. 

Böttcher: Wir haben die BG ETEM immer als Partner erlebt. Es ging nie darum, Betrieben Hindernisse in den Weg zu legen, sondern praktikable Lösungen zu finden. Gerade bei einem so sensiblen Thema ist dieser partnerschaftliche Ansatz entscheidend.


„Haben wir schon immer so gemacht, ist kein Argument, das Rechtssicherheit schafft.“

Christoph Böttcher


 
Was bringt die DGUV Fachbereich Aktuell den Betrieben konkret?

Endres: Sie übersetzt die Vorgaben der TRGS 505, also der Technischen Regel für Gefahrstoffe, in die Realität eines Handwerksbetriebs. Ein gutes Beispiel sind die Anforderungen an sogenannte geschlossene Systeme. Viele Betriebe hatten zunächst Sorge, dass Arbeiten unter Vakuum gefordert ist und sie ganze Werkstätten umbauen müssen. Oder dass sie als Unternehmensnachfolgerin erst Unsummen investieren müssen, um den Betrieb zukunftssicher aufzustellen. Dann wird es nämlich schwierig, jemanden zu finden.

Kelle mit geschmolzenem Blei
Vor der Bleiverarbeitung sind wichtige Schutzmaßnahmen zu treffen, beispielsweise eine Absaugung möglichst mit Einhausung. Diese sind auch in der Fachbereich Aktuell zu finden.
Durch bauliche Abtrennungen von Arbeitsbereichen in Kombination mit konsequenter Anwendung von Persönlicher Schutzausrüstung und Optimierung von Absauganlagen können die Schutzziele erreicht werden. Die BG ETEM bietet hierzu Beratungen in Betrieben vor Ort an. 

Böttcher: Arbeitsschutz muss wirksam sein, aber auch praktikabel. Die neue Schrift hilft den Betrieben, Schutzmaßnahmen richtig einzuordnen und rechtssicher umzusetzen. Gleichzeitig schützt sie die Beschäftigten und sorgt für vergleichbare Standards und mehr Fairness in der Branche.

Endres: Niemand bestreitet, dass Blei ein problematischer Stoff ist. Deshalb brauchen wir klare Regeln. Wichtig ist aber, dass diese Regeln in der Praxis funktionieren und gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt werden. Dafür sind Berufsgenossenschaften besonders wertvoll, weil sie die Betriebe kennen und zwischen Regelsetzung und Alltag vermitteln können.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Böttcher: Die Expertise der Berufsgenossenschaften sollte noch stärker in die Entwicklung neuer Vorgaben in Arbeits- und Gesundheitsschutz einfließen. Wer täglich mit Betrieben im Austausch steht, kann am besten beurteilen, was praktikabel ist und was nicht. 

Endres: Ich wünsche mir, dass Politik, Behörden und Handwerk frühzeitig miteinander sprechen. Dann lassen sich viele Probleme lösen, bevor sie überhaupt entstehen. Die Erfahrungen bei der Umsetzung der TRGS 505 zeigen, wie erfolgreich ein solcher Dialog sein kann.

Annika Pabst, Stephan Kuhn