Drei Männer und eine Frau stehen in einer Fabrikhalle Arm in Arm nebeneinander und blicken in die Kamera. Alle tragen weiße Arbeitsschutzkittel. Ganz rechts hängt ein Erste-Hilfe-Schrank.
Sie kämpften um das Leben ihres Kollegen Matthias Reich (links): Carola Fiebig, Daniel Koch und Tom Christian Fickel (v.l.).

Es ist ein ganz normaler Arbeitstag im Spätsommer 2024 bei Kontron eSystems Leipzig. Das Unternehmen stellt elektronische Komponenten und Komplettlösungen her, wie Wallboxen zum Laden von E-Autos oder Hausnotrufsysteme. In der Fertigung entsteht eine neue Montagelinie, an den Arbeitsplätzen wird konzentriert gearbeitet. Servicetechniker Matthias Reich sitzt mit seinem Kollegen Daniel Koch am Rechner, sie besprechen ein Problem, wie so oft. Dann verlässt Koch kurz den Raum. Als er wieder zurückkehrt, liegt Reich am Boden. Regungslos.

„Matthias war zusammengesackt, nicht mehr ansprechbar“, erinnert sich Koch. Was folgt, passiert innerhalb von Sekunden – und fühlt sich für alle Beteiligten wie ein Ausnahmezustand an. Koch ruft um Hilfe und setzt den internen Notruf an den Wachschutz ab. Kurz darauf sind Carola Fiebig und Tom Christian Fickel vor Ort. Beide sind ausgebildete Ersthelfer. „Wir haben nicht nachgedacht, sondern einfach gemacht“, sagt Fiebig heute. Kein Zögern, kein Abwägen. Die Situation ist geprägt von Adrenalin und Konzentration. Und die Abläufe, die sie in Schulungen immer wieder geübt haben, greifen: Herzdruckmassage. Kontrolle der Atmung. Defibrillator anwenden. „Das war wie im Training – nur eben real“, erzählt Fiebig. Das Gerät gibt klare Anweisungen, strukturiert die Situation.

Eine Rettungskette, die funktioniert

Während Fiebig und Fickel Erste Hilfe leisten, läuft im Hintergrund eine eingespielte Organisation ab. Der Notruf wird intern koordiniert, der Wachschutz informiert den Rettungsdienst. Wege werden freigemacht, Türen geöffnet. Als die Sanitäter eintreffen, schlägt das Herz von Reich bereits wieder. „Als wir gemerkt haben, dass Matthiasʼ Herz wieder schlägt, war das ein unglaublicher Moment. Wir waren einfach nur froh“, erzählt Fiebig rückblickend. Die Rettungskräfte versetzen Reich ins künstliche Koma und transportieren ihn zur nächsten Intensivstation. Es ist das Ergebnis einer funktionierenden Rettungskette. „Alle haben ruhig und entschlossen gehandelt“, bilanziert Martin Wandelt, Leiter der Instandhaltung. Er ist der Vorgesetzte von Reich und Koch.

Der lange Weg zurück

Später wird allen Beteiligten bewusst, was passiert ist. „An dem Tag selbst hat man einfach nur funktioniert“, sagt Fiebig. Für Matthias Reich wiederum beginnt die eigentliche Geschichte erst danach. Zehn Tage liegt er im Koma. Als er aufwacht, weiß er zunächst nichts von dem, was passiert ist. Die Diagnose: schwere Herzprobleme, ausgelöst unter anderem durch verschlossene Arterien. Es folgen Monate der Rehabilitation. Schritt für Schritt kämpft er sich zurück – unterstützt vom Unternehmen.

Nach 16 Monaten kehrt er an seinen Arbeitsplatz zurück. Das betriebliche Eingliederungsmanagement nach dem medizinischen Notfall ist erfolgreich. „Der erste Tag war zwar anstrengend, aber gut“, sagt er. Was ihm besonders hilft: das Gefühl, gebraucht zu werden. Kolleginnen und Kollegen kommen vorbei, sprechen ihn an, beziehen ihn wieder ein.

Gelebte Verantwortung

Bei Kontron sind mehr als 30 Beschäftigte als Ersthelfer ausgebildet – deutlich mehr als vorgeschrieben. „Das basiert auf Freiwilligkeit und Zusammenhalt“, erklärt Betriebsrat Frank Stemmler. Erste Hilfe wird als Teil der Unternehmenskultur verstanden. Regelmäßige Schulungen, klare Abläufe, verfügbare Technik – und vor allem Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. „Da wird gekämpft, als wäre es jemand aus der Familie“, erzählt Matthias Reich. Er weiß, wovon er spricht.

Annika Pabst, Michael Siedenhans