Hitze stellt ein gesundheitliches und somit auch unternehmerisches Risiko dar: Sie kann das Herz-Kreislauf-System von Beschäftigten belasten oder sogar zum Hitzschlag führen. Bei Hitze sinken Konzentration und Leistungsfähigkeit – was wiederum das Unfallrisiko steigen lässt. Durch den Klimawandel nehmen Dauer und Intensität von Hitzeperioden zu, was die saisonale Belastung im Arbeitskontext weiter verschärft. Mit dem Thema eng verknüpft ist die UV-Strahlung, die ganzjährig wirkt und langfristig das Risiko erhöht, an hellem Hautkrebs zu erkranken. Neu sind diese Erkenntnisse nicht. „Schon früher war sommerliche Hitze Bestandteil der physikalischen Gefährdungen, aber nicht besonders hervorgehoben. Und schon immer entsprach Hitzeschutz unserem Selbstverständnis, dass alle Beschäftigten gesund nach Hause kommen sollen“, erzählt Karsten Götz, Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der Wasser- und Energieversorgungsgesellschaft (WEVG) Salzgitter. Steigende Temperaturen und verstärkte saisonale Hitze durch den Klimawandel waren damals indes noch nicht so präsent.
Strukturierter Ansatz
Der Handlungsdruck für Unternehmen beim Thema Hitzeschutz ist infolge des Klimawandels gestiegen und steigt weiter. Die WEVG entschied daher, das Thema gezielt anzugehen und beteiligte sich im Rahmen eines vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Pilotprojekts an der Erprobung eines Muster-Hitzeschutzplans. „Ein betrieblicher Hitzeschutzplan dient Unternehmen dabei als strategisches Instrument und praktische Handlungshilfe, um kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen bei saisonaler Hitze sowie UV-Belastung systematisch zu planen“, erklärt Dr. Stefanie Bühn, Referentin Klimawandel und Gesundheitsschutz bei der BG ETEM. „Ein Hitzeschutzplan lässt sich in bestehende Arbeitsschutzstrukturen wie die Gefährdungsbeurteilung integrieren.“
Erstellung eines betrieblichen Hitzeschutzplans
Im Rahmen des BMAS-geförderten Projekts „Arbeit: sicher und gesund im Klimawandel“ ist eine branchenübergreifende Handlungshilfe für die Erstellung eines betrieblichen Hitzeschutzplans entstanden. Sie führt anhand von sechs aufeinander aufbauenden Schritten durch den Erstellungsprozess. Dieser ist bewusst an den Erstellungsprozess einer Gefährdungsbeurteilung angelehnt, mit dem Ziel, Synergien zu schaffen.
1. Akteurinnen und Akteure identifizieren und sensibilisieren
2. Arbeitsbereiche und Tätigkeiten clustern
3. Hitzebelastung identifizieren und auswerten
4. Maßnahmen identifizieren und implementieren
5. Maßnahmen kommunizieren
6. Maßnahmen evaluieren und fortschreiben
Vielfältiger Maßnahmenkatalog
Gemeinsam besser geschützt
Daneben hat das Unternehmen weitere Maßnahmen im Hitzeschutzplan integriert, um Beschäftigte an heißen Tagen umfassend zu schützen: Die vorgesehenen Maßnahmen reichen über klimatisierte Innenräume und die Bereitstellung von Getränken bis hin zu flexiblen Arbeitszeiten mit Homeoffice-Option. Viele Unternehmen begreifen Hitze- und UV-Schutz bei Arbeiten im Freien mittlerweile als untrennbare Einheit. Manche Schutzmaßnahmen erfüllen oft mehrere Funktionen: Eine Verschattung beispielsweise reduziert Hitze- und UV-Belastung zugleich. Bereitgestellte Getränke kommen Beschäftigten im Innen- und Außenbereich zugute. Maßnahmen im Hitzeschutz wirken auch in den privaten Alltag hinein, da sie das Bewusstsein für Risiken und gesundheitsförderliches Verhalten schaffen. Das wissen auch die Verantwortlichen bei der WEVG Salzgitter.
Besonders wichtig war der WEVG, alle Betroffenen in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen und so die Akzeptanz für die Maßnahmen zu erhöhen. Dann ist gemeinsamer Hitzeschutz gar nicht so schwierig. „Wenn ich den Kopf einschalte, dann mache ich meist intuitiv das Richtige“, betont Götz. Neben Plänen und Regeln helfe im Arbeitsschutz schließlich immer auch gesunder Menschenverstand.
Stephan Kuhn
ASUG-Klima – Betriebliche Erprobung und Handlungshilfe Betriebliche Hitzeschutzpläne
In der betrieblichen Erprobungsphase sollte untersucht werden, wie Unterstützungsangebote für Unternehmen gestaltet sein müssen, damit diese wirksamen betrieblichen Hitzeschutz umsetzen können. Dazu haben die Erprobungsunternehmen unter Anleitung und auf Basis der im Projekt entwickelte „Handlungshilfe Hitzeschutzplan“ einen für ihren Betrieb individuellen betrieblichen Hitzeschutzplan (HSP) erstellt und umgesetzt.
Die Rückmeldung der Erprobungsunternehmen wurde anhand zentraler Aspekte zusammengeführt – Verbesserungsvorschläge und Kritikpunkte wurden in der nachfolgenden Überarbeitung der Handlungshilfe umgesetzt und sind in diesen Rückmeldungen nicht berücksichtigt.
Aufbau und Struktur der Handlungshilfe Hitzeschutzplan
Alle fünf teilnehmenden Unternehmen bezeichneten den Aufbau der Handlungshilfe in sechs Schritten als sinnvoll und hilfreich. Die Inhalte der einzelnen Schritte wurden als nützlich eingeschätzt, Kürzungspotenzial wurde hingegen nicht identifiziert. Gleichzeitig bewerteten die Unternehmen den Gesamtumfang der Handlungshilfe einstimmig als zu umfangreich.
Branchenübergreifender Ansatz
Die Handlungshilfe verfolgt einen branchenübergreifenden Ansatz. Es konnte durch die Praxiserprobung bestätigt werden, dass die Arbeitsschritte branchenübergreifend für die Erstellung von betrieblichen Hitzeschutzplänen relevant sind. Von zwei Unternehmen wurde explizit geäußert, dass „branchenferne“ Beispiele hilfreiche Impulse für Unternehmen darstellten, in denen eine Vielzahl an Tätigkeiten vertreten sind. Auf der anderen Seite gab es auch das Feedback, dass Beispiele aus anderen Branchen als der eigenen (zum Beispiel gesundheitsbezogen vs. technisch) die grundsätzliche Akzeptanz der Handlungshilfe vermindern können, weil der Eindruck entstehen kann, das Dokument richte sich grundsätzlich nicht an die eigene Zielgruppe.
Erfassung von Hitzebelastung nach objektiven Kriterien
Der dritte Schritt der Handlungshilfe beschreibt, wie Hitzebelastung anhand der Effektivtemperatur erfasst werden kann. Dazu müssen neben den Parametern Lufttemperatur und relativer Luftfeuchte zusätzlich noch verschiedene Einflussfaktoren wie Arbeitsschwere, Bekleidung, Luftgeschwindigkeit und Wärmestrahlung der Sonne berücksichtigt werden. In der Praxiserprobung wurde dieses Vorgehen von mehreren Unternehmen als nicht praxistauglich bewertet. Zentrale Kritikpunkte hierbei waren die teure Anschaffung der dafür nötigen Messgeräte und die zeitintensiven Messungen der verschiedenen Parameter. Alternativ wurde in einem Fall eine Heatmap auf Basis von subjektiven Beurteilungen der Beschäftigten angefertigt, in einem anderen wurde ein vereinfachtes Messverfahren verwendet, das lediglich Lufttemperaturmessungen zu verschiedenen Zeitpunkten umfasste. Ein drittes Unternehmen regte an, die Belastung durch Hitze anhand fester Schwellenwerte – zum Beispiel der Luft- oder „gefühlten“ Temperatur des Deutschen Wetterdienstes einzuschätzen. Dabei könnten vorhandene Schutzkleidung, die körperliche Belastung bei der Arbeit sowie bekannte gesundheitliche Risikofaktoren noch zusätzlich berücksichtigt werden.
Digitales Tool
Als längerfristige Weiterentwicklungsmöglichkeit sahen die Erprobungsunternehmen die Entwicklung eines digitalen Tools zur Erstellung von betrieblichen Hitzeschutzplänen als sinnvoll an, mit dem Unternehmen über einen schlanken Prozess zu ihrem individuellen Hitzeschutzplan hingeleitet werden. Das Tool könnte dabei auf den sechs bereits entwickelten Arbeitsschritten aufbauen und die Vorlagen der Handlungshilfe integrieren. Den Unternehmen könnte so die Erstellung eines Hitzeschutzplans und der Zugang dazu erleichtert werden.
Schnittstelle zwischen Gefährdungsbeurteilung und Hitzeschutzplan
Die Handlungshilfe orientiert sich bewusst an der Struktur zur Erstellung einer Gefährdungsbeurteilung und soll Synergien zwischen beiden Instrumenten herstellen. Erfreulicherweise zeigte sich, dass die Schnittstelle zur Gefährdungsbeurteilung funktionierte und mehrere Unternehmen ihre Gefährdungsbeurteilungen als Ergebnis der Auseinandersetzung mit Gefährdungen durch saisonale Hitze im Projekt überarbeitet wurde. Weiterhin folgte in einem Unternehmen aus der Erprobungsphase die Zielsetzung, den Fragenkatalog für die jährlichen Begehungen um den Aspekt sommerlicher Hitze zu ergänzen.
Insgesamt berichteten die beteiligten Unternehmen, dass der Austausch zwischen den verschiedenen Fachrichtungen und die intensive Beschäftigung mit den Arbeitsschutzinstrumenten und -themen neue Ideen und Ansätze hervorbrachten. Sie konnten so bestehende Strukturen miteinander verbinden und neue Gelegenheiten ausmachen, um den Arbeitsschutz im Unternehmen zu stärken.
Weitere Rückmeldungen aus der Erprobung waren, dass die Erprobungsunternehmen durch die Teilnahme ein besseres Bewusstsein für die persönliche Betroffenheit der Beschäftigten und die Relevanz von Hitzeschutz für ihren Betrieb gewonnen haben, womit sie sich ohne das Projekt nach eigener Aussage erst „Jahre später beschäftigt hätten“. Außerdem war die strukturierte Herangehensweise der Handlungshilfe für die Unternehmen hilfreich, um eine Bestandsaufnahme der bereits umgesetzten Schutzmaßnahmen und etablierter Strukturen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu dokumentieren und diese besser an die Belegschaft zu kommunizieren. Somit konnten auch Synergien mit verwandten Themen (wie beispielsweise UV-Schutz) gefunden werden und die Themen so miteinander verknüpft werden, um Aufwand und Kosten zu sparen. Auch vonseiten der Beschäftigten wurde in den Unternehmen die Teilnahme an der Erprobung positiv bewertet und so wahrgenommen, dass dem Unternehmen die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten wichtig sind und aktive Schritte unternommen werden, um sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf ihre Arbeitsbedingungen auseinanderzusetzen.
→ info
- Sonnenstrahlung: Schutz der Beschäftigten vor UV-Strahlung: www.bgetem.de, Webcode: 15351016
- DGUV Information 203-085: Arbeiten unter der Sonne: medien.bgetem.de, Webcode: M18913701
- Hautschutz bei Arbeit im Freien: medien.bgetem.de, Webcode M18652136
- UV-Testkarte: medien.bgetem.de, Webcode: M23732284
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