Luftansicht einer Lagerhalle mit parkenden Lkw
Rangierende Lkw auf dem Betriebsgelände verlangen von allen Beteiligten eine erhöhte Aufmerksamkeit.

Jedes Jahr werden bei der BG ETEM schwere oder sogar tödliche Unfälle gemeldet, an denen ein Lkw beteiligt ist. In der Textilbranche sind besonders die Bereiche der Textilpflege betroffen. Auch das Jahr 2024 war keine Ausnahme. Ein Unfallbeispiel zeigt die potenziellen Gefahren, die auf Betriebshöfen bestehen, und wie schnell Menschen schwere Verletzungen erleiden können, wenn Sicherheitsvorgaben nicht beachtet werden.

Schreck in der Frühschicht

Es war früh am Morgen, gegen 6 Uhr, und die Frühschicht hatte gerade begonnen. Einige der Fahrer unterhielten sich noch an der Laderampe, während einer von ihnen bereits zu seinem Fahrzeug ging und einstieg. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die Kollegen rund 30 Meter entfernt an der Rampe, der Betriebshof war ansonsten leer.

Der betreffende Lkw war entgegen den Anweisungen des Unternehmens vorwärts in die Parklücke eingeparkt worden. Dadurch musste der Fahrer rückwärts ausparken, um den Hof zu verlassen. Während der Fahrer in der Kabine saß und sich auf die Abfahrt vorbereitete, verließ einer der Kollegen an der Laderampe den Bereich, um ebenfalls zu seinem Fahrzeug zu gehen. Auf halbem Weg blieb er jedoch stehen, um kurz auf sein Handy zu schauen.

Schematische Darstellung des Laufwegs des Verunfallten hinter den Lkw
Unfallort mit Laufrichtung des Verunfallten

Inzwischen ließ der Fahrer des Lkw die Fenster herunter und setzte langsam zurück, um die Parklücke zu verlassen. Leider befand sich sein Kollege in diesem Moment im toten Winkel des Fahrzeugs und war für den Fahrer nicht sichtbar. Der Fahrer bemerkte weder, dass sich jemand hinter dem Fahrzeug befand, noch nahm der Kollege den sich rückwärts bewegenden Lkw rechtzeitig wahr.

Der Lkw fuhr den Kollegen an, der daraufhin zu Boden stürzte. Glücklicherweise schrie der Verletzte laut auf. Da das Fenster heruntergelassen war, konnte der Fahrer den Ruf sofort hören, anhalten und Schlimmeres verhindern. Dennoch erlitt der Betroffene schwere Verletzungen, die eine längere Genesungszeit erforderlich machten.

Gefahren am Verladedock

Besonders in Bereichen wie Verladedocks, Lagerflächen und bei Rangiermanövern treten Risiken auf, die häufig unterschätzt werden. Diese Situationen sind nicht nur potenziell lebensgefährlich, sondern können auch zu erheblichen Sachschäden und Betriebsunterbrechungen führen.

Trotz moderner Technologien wie Spiegeln und Kameras bleiben „Tote Winkel“ eine der Hauptursachen für Unfälle. Zusätzlich wird die Gefahr durch die unterschiedlichen Aktivitäten auf dem Betriebsgelände verstärkt. In Stoßzeiten, wenn Zeitdruck durch enge Zeitfenster für Be- und Entladevorgänge entsteht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sicherheitsvorschriften missachtet werden.

Ein besonders gefährlicher Bereich sind die Verladedocks. Hier treffen mehrere Risikofaktoren aufeinander: Beengte Platzverhältnisse und eingeschränkte Übersichtlichkeit für Fahrer und andere Beteiligte erschweren das sichere Manövrieren. Das präzise Positionieren des Lkw am Dock ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die häufig zu Fehleinschätzungen führt.

Präventionsmaßnahmen verbessern die Sicherheit

Die Notwendigkeit Maßnahmen zu treffen, um Unfälle durch Lkw-Verkehr auf Betriebsgeländen zu verhindern, wird nicht nur durch das geschilderte Unfallbeispiel deutlich. Dieser war im vergangenen Jahr kein Einzelfall – es ereignete sich auch ein tödlicher Unfall. Ein effektives Konzept muss technische, organisatorische und verhaltensbezogene Strategien vereinen. Die folgenden Maßnahmen können helfen, dieses Ziel zu erreichen.

2. Auslegung des Betriebsgeländes

  • Die Sicherheit auf dem Betriebsgelände lässt sich durch verschiedene Maßnahmen erheblich verbessern. Eine gezielte Planung und Auslegung des Betriebsgeländes spielt dabei eine zentrale Rolle. Ausreichend Platz für Rangier- und Ladevorgänge sowie klar gekennzeichnete Fußgänger- und Fahrwege sind essenziell, um potenzielle Gefahrenquellen zu minimieren.
  • Zusätzlich sollten Betriebe ihre spezifische Situation genau analysieren und dabei die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehen. Gemeinsam lassen sich so potenzielle Gefahrenstellen identifizieren und Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit entwickeln.
  • Einbahnstraßenregelungen können die Verkehrsführung auf dem Betriebsgelände vereinfachen und das Risiko von Kollisionen reduzieren. Auch die Installation von Spiegeln an strategisch wichtigen Punkten, wie Kreuzungen oder engen Rangierplätzen, trägt dazu bei, tote Winkel zu minimieren und den Fahrern zusätzliche Orientierung zu bieten.
  • Die Installation von Überwachungskameras ergänzt diese Maßnahmen. Kameras liefern nicht nur wertvolle Informationen im Falle eines Unfalls, sondern können auch potenzielle Gefahren frühzeitig erkennen. Besonders in Bereichen, in denen sich Lkw und Fußgänger auf engem Raum bewegen, helfen Kameras, kritische Punkte zu überwachen und die Sicht in tote Winkel zu erweitern, die selbst durch Spiegel nicht abgedeckt werden können.
  • Durch den Einsatz von Bewegungserkennungssoftware und automatisierten Warnsystemen können Kameras sogar aktiv zur Unfallvermeidung beitragen. So könnten beispielsweise akustische und visuelle Warnsignale ausgelöst werden, wenn ein Lkw in einen Bereich einfährt, in dem sich Fußgänger befinden, oder wenn ein Fußgänger einen abgesicherten Bereich betritt.
  • Darüber hinaus lassen sich Kameras in die Schulung von Beschäftigten einbinden, indem aufgezeichnete Aufnahmen dazu genutzt werden, spezifische Gefährdungssituationen zu analysieren und geeignete Gegenmaßnahmen zu entwickeln.
  • In Zukunft können smarte Logistiksysteme eine wertvolle Unterstützung bieten, indem sie das Be- und Entladen der Lkw effizient planen und kontrollieren. Diese Technologien könnten Verkehrsströme in Echtzeit optimieren und dadurch Auslastungsspitzen automatisch entschärfen.

4. Mehrsprachige Sicherheitskommunikation

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Sicherheitsarbeit auf Betriebsgeländen, insbesondere im Lkw-Verkehr, ist die multinationale Belegschaft. In vielen Unternehmen arbeiten nicht nur eigene Mitarbeitende aus unterschiedlichen Ländern und mit verschiedenen sprachlichen Hintergründen, sondern auch externe Dienstleister wie Spediteure. Dies stellt eine besondere Herausforderung für die effektive Kommunikation von Sicherheitsvorkehrungen dar.

Um Unfälle aufgrund von Missverständnissen zu vermeiden, sollten Unterweisungen, Sicherheitsanleitungen und Hinweise mehrsprachig bereitgestellt werden. Kostenlose Übersetzungs-Apps können dabei gute Dienste leisten und auch die alltägliche Kommunikation erleichtern. Einige Mitgliedsbetriebe haben zudem berichtet, dass die Beschaffung einer kostenpflichtigen Übersetzungssoftware keine signifikant besseren Ergebnisse liefert. Sprachliche Barrieren lassen sich außerdem durch den Einsatz mehrsprachiger Kolleginnen und Kollegen als Vermittler erfolgreich überwinden.


Nur wenn alle – interne wie externe Beschäftigte – die Sicherheitsvorgaben verstehen und umsetzen, können Unfälle auf dem Betriebsgelände verhindert werden. Eine klare und gut umgesetzte Sicherheitsstrategie ist der Schlüssel dazu.


Oskar Behr