Wissen, wo der Schuh drückt

Arbeitsschutz fängt mit guter Kommunikation an. Das gilt auch für die Beschaffung von Schutzkleidung. Wer seine Beschäftigten daran beteiligt, hat die Nase vorn – bei der Sicherheit und beim Wettbewerb um die besten Arbeitskräfte.
Arbeitsschutz beginnt beim Einkauf

Kleidung Arbeitsschutz: Kleiderstange mit gelben und orangen Sicherheitswesten, -jacken- und Shirts, darunter auf einem Regalbrett mehrere Sicherheitsschuh-Modelle.

Nicht nur bei der Auswahl von Arbeitskleidung gilt: Kommunikation ist ein Schlüssel zum Erfolg.

Matthias Paul hat immer viel zu tun. Er ist Fachkraft für Arbeitssicherheit bei der Europten Transmission Germany GmbH, einem im Fahr- und Leitungsbau international tätigen Unternehmen aus Berlin.

Porträt von Matthias Paul, Europten Transmission Germany. Er steht im Freien, hat kurze, graumelierte Haare und trägt eine dunkle Jacke mit Kapuze.

Matthias Paul arbeitet als Fachkraft für Arbeitssicherheit bei Europten Transmission Germany.

Ein Thema, das ihn derzeit beschäftigt: Regenjacken, die nicht ausreichend dichthalten – zumindest aus Sicht einiger Kolleginnen und Kollegen nicht. „Wir hatten alle Beschäftigten mit den hochwertigen Jacken ausgerüstet“, erzählt er, „doch nach einiger Zeit gab es Beschwerden.“ Das Unternehmen reagierte und startete eine Umfrage unter den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Die wird derzeit noch ausgewertet“, sagt Paul. Es zeichne sich allerdings ab, dass die Probleme vor allem bei Dauerregen auftreten. Andere beschweren sich, dass sie in den Jacken schwitzen. „Wir werden genau analysieren, ob es andere Jacken braucht oder einfach ergänzende Kleidung zum Drunterziehen.“

Zuhören und darüber reden

Porträt von Dr. Christine Gericke, BG ETEM. Sie hat längere braune Haare und lächelt in die Kamera.

Dr. Christine Gericke ist Arbeitspsychologin bei der BG ETEM.

Aus Sicht von Dr. Christine Gericke hat das Unternehmen mit der Umfrage alles richtig gemacht. Für die Arbeitspsychologin der BG ETEM ist Kommunikation ein entscheidender Faktor, um Arbeitsschutz umfassend in einem Unternehmen und in den Köpfen aller Führungskräfte und Beschäftigten zu verankern. In Mitarbeiterworkshops in verschiedenen Betrieben hört sie immer wieder, dass Arbeitshosen oder Jacken als zu schwer empfunden werden, unbequem seien und deswegen ungern oder gar nicht getragen werden.

Die Folge: Beschäftigte fühlen sich deswegen häufig gestresst. Ein Thema auch für die Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung. Dazu Gericke: „Für viele Betriebe stellt sich die Frage, wie bekomme ich alle ins Boot? Und wie kann ich sie hinreichend beteiligen – zum Beispiel bei der Beschaffung von Arbeits- und Schutzkleidung?“ Diese Herangehensweise hat aus ihrer Sicht auch Signalwirkung, um im Gesamtunternehmen zu zeigen: Die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist uns wichtig. „Das heißt auch, dass alle an einem Strang ziehen und das Thema Arbeitsschutz jederzeit mitdenken müssen“, betont Gericke.

Bei Europten hat man einen Weg gefunden. Matthias Paul: „Wir geben den Leuten ganz einfach die Möglichkeit, sich mitzuteilen. Jeder hat das Recht, sich zu äußern.“ Und das über Hierarchiestufen hinweg. Auch der Geschäftsführer darf direkt angesprochen werden.

Für Christine Gericke ist diese Offenheit ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer konstruktiven Kultur der Prävention. „Grundsätzlich ist es natürlich zu begrüßen, wenn der Geschäftsführer sich auch vor Ort sehen lässt und weiß, was an der Basis passiert.“

Sie wirbt darüber hinaus für Workshops mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, bei denen die Beschäftigten frei darüber reden könnten, was tatsächlich als störend empfunden wird. „Da kommt nicht nur Kritik“, berichtet sie aus eigener Erfahrung, „da gibt es auch interessante Lösungsideen.“

Ein emotionales Thema

Matthias Paul kann das bestätigen. In seinem Unternehmen könne sich jeder in sogenannten Meckerrunden auch zu Sicherheitsthemen äußern. „Wir geben den Leuten das Podium und wollen wissen, wo der Schuh drückt.“ Und das auch im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das Thema Sicherheitsschuhe zum Beispiel sei noch sensibler als die Frage nach der passenden Hose oder Jacke, sagt Paul: „Die Schuhe tragen das Gewicht des Körpers den ganzen Tag." Und jeder Fuß sei anders: „Die individuellen Unterschiede sind riesig.“ Daher überlegt Europten momentan, Sicherheitsschuhe nicht mehr zentral zu beschaffen. Die Alternative: Jeder Beschäftigte habe ein Budget, in dessen Rahmen er sich seine individuell passenden Schuhe selbst besorgen könne. Natürlich müssten die Schuhe bestimmte Kriterien wie zum Beispiel die Sicherheitsklasse erfüllen.

Die endgültige Entscheidung über das künftige Vorgehen ist allerdings noch nicht gefallen.

Erfolgsfaktor Arbeitsschutz

Für Paul steht fest: Arbeitsschutz entscheidet heute mit über geschäftlichen Erfolg oder Misserfolg. Das zeige sich unter anderem darin, dass Arbeitsschutzthemen bei der Ausschreibung öffentlicher Aufträge zu den entscheidenden Vergabekriterien gehören. Auch aus diesem Grund sieht es Paul als unerlässlich an, „alles zu unternehmen, um Schritt für Schritt eine Kultur der Prävention zu entwickeln“. Dazu gehört es, sowohl die Führungsebene als auch zentrale Abteilungen wie Einkauf oder Beschaffung mitzunehmen.

Und was die Beteiligung der Beschäftigten an Entscheidungsprozessen angeht: „Wir stehen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte“, sagt Paul. „Wenn die das Gefühl haben, dass wir sie nicht ernst nehmen, gehen sie einfach woanders hin.“

 

Dr. Michael Krause

mensch & arbeit
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Logo Podcast "Ganz sicher": Gelbes Dreieck vor grauem Hintergrund mit eckigen blauen Doppelpfeilen an beiden Seiten.

Dr. Christine Gericke und Matthias Paul zu Gast in Folge 6 von „Ganz sicher – der Podcast für Menschen mit Verantwortung“.

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