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Schnitt-Prävention

Das Bewusstsein für Schnittverletzungen nachhaltig schärfen

Qualitätskontrolle von Fußmatten: Ein Mitarbeiter begutachtet eine fertig genähte Auto-Fußmatte.

Sicherheitsingenieur Mark Blumenroth initiierte „Gemeinsam sicher durch dick und dünn“ bei Hanns Glass.

Viele Betriebe erkennen Schnittverletzungen als Unfallschwerpunkt. Aber wie bringt man es erfolgreich und nachhaltig in die Mitarbeiterschaft, um Verletzungen dauerhaft zu vermeiden? Schneidaufgaben sind nicht in allen Bereichen vermeidbar. Schutzhandschuhe können bei einigen Arbeiten nicht getragen werden, da man damit beispielsweise Fäden nicht greifen kann. Hier zeigt die Firma Hanns Glass, dass nur mit systematischer Vorgehensweise gemeinsam mit den Mitarbeitern das geeignete Werkzeug und die geeignete Arbeitsweise gefunden werden können.

Schneidarbeiten an vielen Stellen im Unternehmen

Die Firma Hanns Glass GmbH & Co. KG ist führender Hersteller automobiler Teppiche und Autofußmatten. In der Produktion hochwertiger Fahrzeuginnenraumausstattung wie Auto- und Kofferraummatten sowie Befestigungssysteme gibt es eine Vielzahl von manuellen Tätigkeitsfeldern, an denen Schneidwerkzeuge anzutreffen sind. Aber auch im ganz normalen Bürobereich wurde vor der Präventionsaktion beispielsweise zum Öffnen von Paketen mit Cuttern hantiert. „Cuttermesser sind ganz üble Werkzeuge“, so Mark Blumenroth. „Da rutscht man ganz schnell ab und die teilweise schwerwiegenden Verletzungen mag man sich gar nicht vorstellen." Im Rahmen der Übernahme durch Freudenberg wurden die Unfälle bei Hanns Glass in der Firma intensiver analysiert. Klarer Spitzenreiter waren die Schnittverletzungen mit Handwerkzeugen. Die Erkenntnis ganz klar: Um das Arbeiten aller Personen gezielt sicherer zu machen, muss dort etwas passieren, wo das größte Gefahrenpotenzial liegt.

Schnittverletzungen – vielfältig und weitreichend

Die Verletzungsschwere bei Schnittverletzungen kann von sehr kleinen Schnittwunden bis zu bleibenden Körperschäden reichen. Sind Sehnen oder Blutgefäße betroffen, müssen Handchirurgen hinzugezogen werden. Selbst Verschmutzungen kleiner Wunden können zu Infektionen (Blutvergiftung) führen. Die Ausfallzeiten von Verletzten reichen von einem Tag bis zu mehreren Monaten. Langzeitschäden wie Beeinträchtigungen der Handbeweglichkeit und der Empfindlichkeit sind nicht ausgeschlossen.

Alte Bärte abschneiden

„Das haben wir immer so gemacht“. „Ich habe mich noch nie geschnitten!“. Das sind die typischen Aussagen, mit denen ein Sicherheitsingenieur konfrontiert wird. „Die Einträge im Verbandbuch sprechen dabei jedoch oft eine andere Sprache“, so Mark Blumenroth. In der Firma Hans Glass gab es sehr wohl Unfälle mit Schneidwerkzeug. „Die Menschen verdrängen das gern. Deshalb ist das Erste: Ein Bewusstsein schaffen für das, was man tagaus, tagein an Handgriffen macht. Gemeinsam mit dem Mitarbeiter und der Mitarbeiterin muss man jeden Arbeitsschritt analysieren und Handgriffe aus der Routine ins Bewusstsein hochholen. Und gleichzeitig ihm oder ihr vor Augen führen, was dabei nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch passieren kann." Jeder hantiert zu Hause mal mit einer Schere beim Paketöffnen oder gar mit einem Cuttermesser, um das Klebeband zu durchtrennen. Meistens passiert auch nichts. Aber wenn doch, dann kommt es oftmals zu hässlichen Verletzungen.

Seit 2020 keine Schnittverletzung mehr

Bei Hanns Glass waren bis vor Kurzem Schnittverletzungen häufigste Unfallursache im Unternehmen. Die Historie zeigt: 2018 – vier Arbeitsunfälle mit Schnittverletzungen durch Handwerkzeuge, wie Cuttermesser. Arbeitsausfälle und Schmerzen waren die Folge. Ein Arbeitsunfall mit Ausfallzeit geschah beim Abtrennen von fehlerhaften Vernähungen an einem Näharbeitsplatz. 2019: Arbeitsunfall im Werk Meuselwitz. Eine scheinbar simple Schnittverletzung führte im Nachgang zu einer Operation. Ursache hierfür war ein kleiner Fremdkörper, welcher in die offene Wunde gelang.

Seit 2020: keine Unfälle mehr mit Schnittverletzungen.

„Messer-raus-Tag“

An einem Stichtag sollte jeder Mitarbeiter seine typischen, gefährlichen Messer bei Hanns Glass vorzeigen. Ergebnis: „Ganz vorne lagen natürlich Cuttermesser, zum Teil selbst gebastelt mit nackter Klinge ohne Halterung und mit Garn umwickelt. Wir haben sogar Küchenmesser vorgefunden. Dort, wo es notwendig ist, etwas zu schneiden, wurden neue Werkzeuge bzw. geeignete Sicherheitsmesser ausgeteilt. Dort, wo es nicht notwendig war, wurde auch nichts ersetzt“, beschreibt Mark Blumenroth die Aktion.

„Auch die weisungsbefugten Vorgesetzten müssen übrigens einbezogen werden. Prävention sollte ein Teil der Unternehmenskultur sein. Es muss selbstverständlich werden, dass man sich – egal, ob Vorgesetzter oder Mitarbeiter – gegenseitig auf Gefahren hinweist und Verbesserungsvorschläge annimmt“, findet der Sicherheitsingenieur. Arbeitssicherheit im Unternehmen müsse über alle Unternehmensebenen kommuniziert und durchgeführt werden – gültig vom Praktikanten bis zum Geschäftsführer. Nur so bestehe langfristig eine hohe Akzeptanz für Veränderungen.

Projekt „Gemeinsam sicher durch dick und dünn“

Dass etwas geschehen musste, war klar. Aber wie setzt man nun eine erfolgreiche Präventionskampagne auf? „Wer glaubt, man muss einfach die gefährlichen Werkzeuge aus dem Verkehr ziehen und schon hat man keine Unfälle mehr, der irrt“, so Mark Blumenroth. Das einfache Wegnehmen von alten Messern und Einführen von Sicherheitswerkzeug an sich bringe überhaupt nichts. Drehe man dem Arbeitnehmer den Rücken zu, dann mache der gerade so weiter wie vorher. „Ganz wichtig ist es, dass die Belegschaft mitzieht. Es muss sich ein tiefes Verständnis für die Notwendigkeit und ein Kooperationswille entwickeln, die eigene Arbeitssituation und die der Kollegen verbessern zu wollen. Man muss von der emotionalen zur objektiven Einschätzung von Schneidwerkzeugen gelangen. Prävention ist keine Strafe, sondern hat einen Sinn. Das zu erkennen, ist ein Prozess, der seine Zeit dauert."

2019 wurde das Projekt „Gemeinsam sicher durch dick und dünn“ im Werk Meuselwitz gestartet, gegliedert in vier Projektphasen.

Kreisdiagramm Ist-Analyse für den Einsatz von Schneidwerkzeugen in der Produktion, aufgeteilt in vier Phasen.

Grafik Ist-Analyse für den Einsatz von Schneidwerkzeugen in der Produktion.

Phase1: Ist-Analyse  

Kreisdiagramm Ist-Analyse mit blauem Phase-1-Segment.

Start war die Erfassung aller Tätigkeiten im Unternehmen, bei denen Materialien oder Gegenstände geschnitten werden. Ziel war es, einen Gesamtüberblick über die Schneidprozesse zu bekommen und die Überprüfung, ob für diese Prozesse aus sicherheitstechnischen und funktionalen Gründen tatsächlich Messer oder andere Schneidwerkzeuge verwendet werden müssen. Die Planung mit Analyse und Lösungsfindung erfolgte unter Einbeziehung der Mitarbeiter und auch der direkten Vorgesetzten.

Phase 2: Recherche und Bereitstellung sicherer Schneidwerkzeuge

Kreisdiagramm mit blauem Segment Phase 2.

Auf Grundlage der Anzahl der verschiedenen Produktionsschritte im Unternehmen ist es nicht möglich, mit nur einem Modell eines Sicherheitsmessers alle Beschäftigten bestmöglich auszustatten. Mit den Mitarbeitern wurde gemeinsam ermittelt, was mit welchem Gegenstand gemacht wird und wie man es vielleicht besser und vor allem sicherer machen könnte. Die entsprechenden Sicherheitsmesser wurden den Mitarbeitern der verschiedenen Unternehmensbereiche für ausführliche Testzwecke – nach einer spezifischen Unterweisung – bereitgestellt.

Phase 3: Einholung Feedback, Kontrolle Funktionalität 

Kreisdiagramm Ist-Analyse mit blauem Segment für Phase 3

Befragung der Mitarbeiter über das neue Sicherheitslevel und die Funktionalität der bereitgestellten Modelle der Sicherheitsmesser. Etablierung eines kontinuierlichen Informationsaustausches zwischen Mitarbeitern, Führungskräften, der HSE-Abteilung und den Lieferanten. Im Zuge von Sicherheitsbegehungen wurden offene Fragen zu den neuen Werkzeugen beantwortet.

Phase 4: Bereitstellung sicherer Schneidwerkzeuge und Messer 

Kreisdiagramm Ist-Analyse mit blauem Segment für Phase 4

Sicherheitsmesser, die im Arbeitsprozess als gut bewertet wurden, werden dauerhaft zur Verfügung gestellt. Aber der Prozess ist hier keineswegs abgeschlossen, sondern kontinuierlich wird weiter regelmäßig geprüft, ob es noch bessere Alternativen gibt.

Ständiger Verbesserungsprozess

Das Projekt „Gemeinsam sicher durch dick und dünn“ ist nicht beendet. „Änderungen werden am Anfang vielleicht von den Mitarbeitern akzeptiert, aber es gibt immer noch dann und wann Abweichungen. Das bedeutet, es ist immer noch ein Restwiderstand da. Dann heißt es, weiter gemeinsam analysieren und Alternativen finden. Wir kontrollieren regelmäßig bei Begehungen und in direkten Gesprächen mit den Mitarbeitern: Wie läuft es mit den Sicherheitsmessern? Gibt es noch Cuttermesser?“, beschreibt Mark Blumenroth das weitere Vorgehen. „Kontrolle bleibt wichtig, aber auch regelmäßige Information der Belegschaft, falls es wieder Schnittverletzungen geben sollte. Alte Verhaltensmuster dürfen sich nicht wieder einschleifen."

Information über das Unternehmen

Die Hanns Glass GmbH & Co. KG ist ein weltweit führender Hersteller automobiler Teppiche und Autofußmatten für die Automobilindustrie. Die Produkte werden sowohl an namhafte Autohersteller als auch direkt an den Endkunden geliefert. Schätzungsweise 250 Mitarbeiter sind Stand Mai 2021 in den beiden Werken in Paderborn und Meuselwitz tätig. Das klassische Familienunternehmen wurde in den 1930er-Jahren gegründet. Im Februar 2018 übernahm die Freudenberg-Geschäftsgruppe das Unternehmen. Im Jahr 2020 erwirtschaftete Hanns Glass einen Umsatz von rund 24,8 Millionen Euro.

Ausgabe 4.2021

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