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Sichere Instandhaltung

Abschalten und sichern

Das Bild zeigt zwei Facharbeiter, die an einer großen Maschine entlang laufen. Einer der Facharbeiter hält seine linke Hand inRichtung Maschine und erklärt dem Kollegen etwas.

Die Firma FHP in Augsburg arbeitet nach dem LTCT-Prinzip: „Abschalten & gegen Wiedereinschalten sichern“

Viele schwere Unfälle bei Instandhaltungsarbeiten könnten vermieden werden. Das einfache Abschalten der Energiezufuhr und Sichern gegen Wiedereinschalten würden oft ausreichen. Je größer die Maschinen werden, desto größer wird i. d. R. die Herausforderung, wirklich alle Energiequellen abzuschalten. Die Firma Freudenberg Haushaltsprodukte (FHP)Augsburg GmbH hat hier in Zusammenarbeit mit Freudenberg Vliesstoffe SE und Co. (FV) Weinheim ein Konzept entwickelt und flächendeckend umgesetzt.

Instandhaltung

Zu den Arbeiten außerhalb des Produktionsmodus zählen u. a. Wartung, Inspektion, Instandsetzung, Einstell- und Reinigungsarbeiten sowie Umbauarbeiten. Für diese Tätigkeiten müssen klare Vorgehensweisen festgelegt werden. Wenn diese nicht eingehalten werden, können hieraus schwere Unfälle resultieren. Lesen Sie dazu auch im Kasten, wie es in einer Wäscherei zum Unfall kam.

Die verschiedenen Möglichkeiten der Absicherung, werden in der DGUV Information 209-015 „Instandhaltung – sicher und praxisgerecht durchführen“ aufgezeigt. Zu den technischen müssen immer auch geeignete organisatorische und personelle Maßnahmen getroffen werden.

Freischalten bei Freudenberg

Hier gilt das Prinzip „Abschalten & gegen Wiedereinschalten sichern“ unter der Kurzform LTCT. Das Verfahren soll sicherstellen, dass Beschäftigte und andere dort tätige Personen durch unkontrollierte Inbetriebnahme oder sonstige Einwirkungen von der Anlage vor Verletzungen und die Umwelt vor Schäden bewahrt werden.

Diese Abbildung zeigt die Kurzform "LTCT" Lock (Abschließen), Tag (Kennzeichnen), Control (Kontrollieren), Test (Testen).

LCTC: Das Prinzip „Abschalten & gegen Wiedereinschalten sichern“

Die Mitarbeiter bei FHP Augsburg dürfen grundsätzlich erst dann mit den anstehenden Arbeiten beginnen, wenn Gefährdungen durch gefahrbringende Bewegungen ausgeschlossen sind. Dies wird sichergestellt, indem

  • die Energieversorgung unterbrochen ist,
  • das Ingangsetzen infolge gespeicherter Energie verhindert wurde,
  • gefahrbringende Bewegungen zum Stillstand gekommen sind,
  • physikalische, chemische und biologische Einwirkungen berücksichtigt werden,
  • unbefugtes, irrtümliches oder unerwartetes Ingangsetzen ausgeschlossen werden kann und
  • die entsprechenden Abschaltorgane markiert (getaggt) sind.

Beim Freischalten gilt es, zuverlässig und sicher alle Arten der Energieversorgung zu unterbrechen. Neben der Elektrik umfasst dies beispielsweise Pneumatik, Hydraulik, Dampf-, Gas-, Wasserzufuhr sowie gespeicherte Energien.

Komplexe Anlagen

Bei FHP Augsburg werden u. a. Haushaltstücher beginnend beim Faserballen bis zum fertigen Tuch hergestellt. Die dazu benötigten Maschinen bestehen zumeist aus mehreren verketteten Aggregaten und Anlagen. Durch ihre Größe können sie nicht mehr leicht eingesehen, dafür aber getrennt abgeschaltet werden.

Die Fachkraft für Arbeitssicherheit der FHP Augsburg, Anton Forner, führte das Konzept des Schlüsselboards ein. Dabei arbeitete er eng mit HSE-Managern der Freudenberg Vliesstoffe SE und Co. (FV) Weinheim zusammen.

Ablauf

Im gezeigten Ablauf hat Lisa Berchtenbreiter – als Elektronikerin für Betriebstechnik – den Auftrag, Instandhaltungsarbeiten an der Anlage 6 durchzuführen.

Informieren

Als Freischaltbeauftragte informiert sie sich im ersten Schritt über die entsprechenden Verfahrensanweisungen, an welchen Energiequellen die Schlösser für die Anlage 6 vorgesehen sind. Die genauen Positionen der Schalter sind mittels beschrifteter Fotos festgehalten. So können Verwechslungen sicher vermieden werden. Im Fall der Anlage 6 werden nur zwei gleichschließende Schlösser benötigt. Beispielsweise bei einem 5er-Gespann sind es fünf Schlösser, die mit einem einzigen Schlüssel geöffnet werden. Das verringert den Platzbedarf sowie den Suchaufwand für Schlüssel. Die gleichschließenden Schlösser hängen links am Schaltboard.

Freischalten

Anschließend sperrt sie den sogenannten Freischaltkasten rechts unten auf. Im Freischaltkasten werden alle im Weiteren erforderlichen Schlüssel aufbewahrt. Zu den Freischaltkästen haben ausschließlich geschulte Freischaltbeauftragte mit einem speziellen Schlüssel Zugang.

Die Elektronikerin benötigt insgesamt zwei Schlüssel aus dem Freischaltkasten:

  • Den ersten Schlüssel benötigt sie für die gleichschließenden Schlösser, mit denen sie die Maschine nach dem Freischalten gegen Wiedereinschalten sichert.
  • Den zweiten Schlüssel braucht sie für eines der „Freischaltbeauftragten-Schlösser“. Die sind auf dem Schaltboard unten, gleich neben dem Freischaltkasten, aufgehängt. Zusätzlich sind diese Schlösser an dem eingeprägten roten Kreis erkennbar.

Sichern

Nach dem Sichern wird der Schlüssel für die gleichschließenden Schlösser in einen der drei Glaskästen gehängt. Der Zugang zu diesem Fach wird mit einer Hakenlochplatte (auch als Schließklammer, Sicherheitssperre, Sperrschließe oder Wartungssicherung bezeichnet) gesichert. Hier hängt Lisa Berchtenbreiter das an dem roten Kreis erkennbare Schloss für die Gruppe der Freischaltbeauftragten als zusätzliche Sicherung gegen Wiedereinschalten ein. Diesen Schlüssel legt sie in den Freischaltkasten zurück. Nun kann jeder Freischaltbeauftragte das Schloss wieder entfernen und mit dem Schlüssel die Anlage 6 wieder in Betrieb nehmen.

Eigensicherung

Um die Eigensicherung zu gewährleisten, trägt zusätzlich jeder Beschäftigte der Firma FHP sein persönliches Schloss am Körper. Das personenbezogene Schloss wird zusätzlich in die Hakenlochplatte eingehängt. So ist die Elektronikerin persönlich gegen Wiedereinschalten gesichert. Im vorliegenden Fall arbeitet nur eine Person an der Anlage. Würden mehrere Personen daran arbeiten, wäre das durch die weiteren an der Hakenlochplatte angebrachten Schlösser erkennbar.

Fremdfirmen

Für die Mitarbeiter von Fremdfirmen hängen zusätzlich Schlösser am Schlüsselboard, die bei Bedarf als persönliche Schlösser ausgehändigt werden.

Von Vertikalförderer eingeklemmt

In einer Wäscherei war eine Reparatur am Hubband nötig. Eigentlich keine große Sache – nur Justierarbeiten, um den zuverlässigen Lauf der Anlage sicherzustellen. Die beiden Instandhalter gingen zur Anlage, um die Arbeiten durchzuführen. Dazu mussten sie den mit einer Umzäunung gesicherten Bereich betreten. Während der eine die Arbeiten vorbereitete, ging der andere einige Werkzeuge holen.

Als er zurückkam, nahm er an, dass sein Kollege nicht nur den Zugang geschaffen, sondern auch bereits die Maschine gegen Ingangsetzen gesichert hätte. Das war aber nicht der Fall.

Am Hubband angekommen, begann er mit den Arbeiten. Für ihn unerwartet senkte sich das Hubband ab, das sich nur zufällig betriebsbedingt in der richtigen Position befand. Da er nicht schnell genug ausweichen konnte, erlitt er schwere Quetschungen.

Instandhaltungsarbeiten dürfen grundsätzlich erst dann beginnen, wenn Gefährdungen durch gefahrbringende Bewegungen ausgeschlossen sind.

Schichtübergabe

Bei Schichtübergabe wird nur das persönliche Schloss vom Bügelschloss abgenommen. In dem gezeigten Beispiel bleibt das Schloss für den Freischaltbeauftragten hängen. Anstelle ihres Schlosses hängt die Elektronikerin nun das an dem eingeprägten blauen Kreis erkennbare Schloss für die Elektroniker ein. Die Schlösser der Mechaniker haben einen dunkelgrauen Kreis. So ist sichergestellt, dass auch bei der Schichtübergabe die Anlage nicht versehentlich in Betrieb genommen werden kann, und erkennbar, welche Arbeiten noch ausstehen.

Freischaltbeauftragte

Zusätzlich zu den Elektronikern und Mechanikern wurden auch geeignete Maschinenführer, Meister und Vorgesetzte zu Freischaltbeauftragten ausgebildet. So können die Anlagen zum einen schon zeitnah vorbereitet werden, bevor die Handwerker kommen. Zum anderen wurden im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung Tätigkeiten festgelegt, die von den geschulten Freischaltbeauftragen bereits vorab durchgeführt werden dürfen. Das spart Zeit und damit Geld. Voraussetzung für die Ausbildung zum Freischaltbeauftragten ist technisches Verständnis in Verbindung mit Verantwortungsbewusstsein und persönlicher Eignung. Nicht jeder kann Freischaltbeauftragter werden.

Schulung

Bevor der Schlüssel für den Freischaltbeauftragten ausgehändigt wird, erfolgt eine Erstschulung. Neben der mindestens einmal jährlich stattfindenden Unterweisung wird der Wissensstand der Freischaltbeauftragten alle zwei Jahre aufgefrischt.

 

Dr. Sylvia Hubalek

Ausgabe 6.2019

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