etem - Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Vorschriften

Reden, bis es klick macht

Auf diesem Bild sehen wir Dr. Ronald Unger (links) an einem Tisch mit Dr. Just Mields (rechts) während eines Gesprächs.

Dr. Ronald Unger (links) und Dr. Just Mields (rechts) sprechen über die Wichtigkeit von Regeln und Vorschriften

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Heinrich Böll soll gesagt haben: „Vorschriften haben nur den Sinn umgangen zu werden.“ Hat er Recht – sind Regeln nur etwas für Angsthasen?

Dr. Ronald Unger: Ich bin der Meinung, der Mensch braucht Regeln. Allerdings nicht für diejenigen, die sie einhalten. Regeln brauchen wir vor allem für die, die sie nicht einhalten. Wenn alle immer auf ihren Nächsten achten würden, bräuchten wir keine Regeln. Leider dreht sich die Welt derzeit in eine andere Richtung. „America first“ ist der Ausdruck eines immer mehr zunehmenden Egoismus.

Das Porträtfoto zeigt Dr. Ronald Unger, Referent Sicherheitswerbung der BG ETEM. Er hat schüttere Haare und trägt eine Brille mit dunklem Gestell.

Dr. Ronald Unger, Referent Sicherheitswerbung der BG ETEM

Dr. Just Mields: Eine Regel ist etwas, das aus einem gemeinsamen Handeln entsteht, das wir immer häufiger so machen, bis es sich verfestigt. Der französische Erziehungswissenschaftler Jean Piaget hat in Bezug auf Regeln drei Stufen definiert: In der ersten herrscht Chaos, der Mensch probiert sich aus – erst nach und nach entstehen Regeln. In der zweiten Stufe werden Regeln als gottgegeben hingenommen, Verstöße dagegen werden sanktioniert. In der dritten Stufe wird verstanden, dass Regeln eine soziale Funktion haben. Verstöße dagegen stören das Miteinander.

Das ist die Stufe, die wir anstreben: Regeln sind etwas, das wir gemeinsam – im Dialog – weiterentwickeln, sodass sie für unser alltägliches Leben hilfreich sind.

Das Porträtfoto zeigt Dr. Just Mields, Arbeitspsychologe bei der BG ETEM. Er hat schüttere Haare und lächelt in Richtung Kamera.

Dr. Just Mields ist Arbeitspsychologe bei der BG ETEM

Auf welcher Stufe sind wir im Moment in Sachen Arbeitsschutz?

Unger: Ich möchte auf etwas anderes hinweisen: Die zweite Stufe – das „Gottgegebene“ – impliziert, dass der Gesetzgeber mit Arbeitsschutzbestimmungen faktisch von außen in die Betriebe hineinregiert. Das stimmt so nicht, weil unsere Gesetze einen Kompromiss zwischen den Interessen verschiedener Gesellschaftsschichten abbilden.

Mields: Ich wollte darstellen, wie Regeln wahrgenommen werden. Beim quasi Gottgegebenen gilt eine Regel als unantastbar.

Unger: Im Arbeitsschutz gibt es eine unantastbare Regel: Sicherung von Leben und Gesundheit. Das ist nicht verhandelbar. Der Unternehmer hat alles dafür zu tun, dass seine Leute nicht krank werden und keinen Unfall haben.

Mields: Das würde ich eher als einen Wert beschreiben. Daraus leiten sich Regeln mit Alltagsbezug ab. Die beschreiben, wie ich konkret mit einer Sache umgehe. Darf ich auf der Treppe etwas tragen, was mich davon abhält, den Handlauf zu benutzen, oder muss ich mich in jedem Fall mit der einen Hand festhalten? Das sind Regeln, die aufgestellt werden und notfalls mit Sanktionen durchgesetzt werden.

Ist das wirklich das Ziel?

Unger: Das ist die Realität. Aber wir wollen ja einen Schritt weitergehen – auch mit unserer Kampagne kommmitmensch. Gesetze und Regeln sagen, du musst Sicherheitsschuhe tragen. Entscheidend ist aber, dass ich gesund bleiben will. Dann frage ich als Beschäftigter meinen Chef von mir aus nach Sicherheitsschuhen. Die Regel brauche ich in diesem Fall nur noch zur Orientierung und nicht mehr zur Disziplinierung.

Mields: Wie müssen Regeln also beschaffen sein und wie müssen sie vermittelt werden, damit sie zum Einhalten einladen? Sie müssen bekannt, umsetzbar und widerspruchsfrei sein. Wenn sie mit anderen Regeln in Konflikt stehen, wird es schwierig. Dazu kommt eine soziale Komponente. Das Einhalten der Regel muss in der Gruppe akzeptiert sein.

Was bedeutet das für die Betriebe? Wie vermittle ich als Unternehmer meinen Beschäftigten, dass die Einhaltung von Regeln Vorteile für sie hat?

Unger: Ich darf nicht nur disziplinieren, sondern muss so argumentieren, dass es einen Aha-Effekt gibt.

Mields: Aber auch Beteiligung hilft. Wenn ich einen Beschäftigten zum Anwalt einer Regel mache, ist die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass er sie selbst beachtet. Wenn wir fragen, wie wir Arbeitsschutz gemeinsam umsetzen können, erzielen wir zwei Effekte: Wir schaffen eine höhere Akzeptanz und wir sprechen die Probleme an, die bei der Umsetzung auftreten.

Unger: Daneben darf man einen Aspekt nicht vernachlässigen: Eine Regel bietet Orientierung und gibt mir als Unternehmer Rechtssicherheit. Wenn ich die Regeln einhalte, bin ich auf der sicheren Seite.

EU-Verordnungen, nationale Gesetze, Durchführungsbestimmungen, berufsgenossenschaftliche Regeln – wer blickt da noch durch?

Mields: Im Arbeitsschutz machen wir es den Unternehmen einfach. Die oberste Regel lautet: Höre auf deine Experten – Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit – die du ja auch engagieren musst. Kein Unternehmer muss das Arbeitsschutzgesetz auswendig lernen. Ich muss mich nur beraten lassen. Dann weiß ich, welche Maßnahmen zu treffen sind.

Unger: Der Handwerksmeister mit drei Beschäftigten will wissen, welche Regeln für ihn verbindlich sind. Dabei helfen wir ihm.

Und dann stellt sich die Frage, wie überzeuge ich meine Beschäftigten davon, die Regeln einzuhalten?

Unger: Letztlich muss der Unternehmer – im Rahmen seiner Möglichkeiten – immer wieder mit seinen Beschäftigten reden. Ich weiß, wie angespannt die Situation gerade bei kleineren und mittleren Unternehmen ist. Wie schwierig es ist, solche Themen im Alltagsgeschäft unterzubringen. Regeln können da bei der Durchsetzung von Anweisungen helfen.

Mields: Am Ende brauchen wir beides: Wir brauchen die Diskussion, um alle mitzunehmen. Wir brauchen aber auch konsequente Entscheidungen.

Unger: Daher sind wir als Berufsgenossenschaft nicht nur für die Beratung zuständig – was wir als eine wichtige Aufgabe sehen –, letztlich sind wir auch für die Überwachung verantwortlich.

Dennoch ist doch das Ziel, zu überzeugen statt mit Konsequenzen zu drohen?

Unger: Selbstverständlich. Bei den meisten Besuchen in Unternehmen komme ich als Aufsichtsperson mit einer Beratung aus. Denn bei den Verantwortlichen hat es längst klick gemacht – wenn meine fachlichen Argumente überzeugt haben.

Mields: Wir helfen dem Unternehmer auch, indem wir Werkzeuge (s. Seite 26) entwickeln, die die Grundprinzipien guter Regeln beachten. Sie sollten eindeutig, einfach, umsetzbar und attraktiv sein. Außerdem fair und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur Gruppe der Regeltreuen unterstützen. So sorgen wir dafür, dass Regeln gut angenommen werden.

Sieht die Praxis nicht oft anders aus?

Mields: Das Beispiel Warnweste zeigt, dass Regeln zur Selbstverständlichkeit werden können. Wenn jemand mit dem Auto liegen bleibt, gilt der erste Griff heute nicht dem Telefon, sondern der Warnweste. Regeln können sich also durchsetzen. Es ist klar, dass wir an anderen Stellen noch nicht so weit sind. Denken Sie nur an die Diskussion um das Für und Wider einer Helmpflicht beim Radfahren. Dabei könnte man hier mit relativ einfachen Mitteln die Verletzungsgefahr stark minimieren.

Brauchen wir mehr Regeltreue oder mehr gesunden Menschenverstand?

Unger: Für die 95 Prozent der Menschen, die Regeln einhalten, reicht der gesunde Menschenverstand. Für die anderen brauchen wir Regeln, die mit aller Konsequenz kontrolliert und sanktioniert werden.

Mields: Wir brauchen Regeln und wir brauchen Augenmaß bei der Erstellung von Regeln, damit sie gut genutzt werden können. Und wir brauchen den Mut, Regeln, die nicht gut funktionieren, wieder abzuschaffen.

 

Ausgabe 5.2019

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