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Arbeitsunfall

Tödlicher Alleingang

Die Illustration zeigt einen Arbeiter auf einer Lastbühne in einem Gang zwischen zwei Hochregalen. Nach einer ruckartigen Bewegung der Lastbühne glitt dem Arbeiter ein Führungsschienen-Element aus den Händen. Ein anderer Arbeiter steht unten mit der Fernbedienung für die Bühne in der Hand.

Leichtsinn mit Todesfolge: Bei einer unerwarteten ruckartigen Bewegung der Lastbühne glitt Jochen Walter (oben) ein Führungsschienen-Element aus der Hand, dem Klaus Müller (unten) noch ausweichen wollte – wobei er unglücklich auf den Kopf stürzte.

Klaus Müller (Name geändert) war bei seinem Arbeitgeber als Projektleiter und Koordinator mit dem Bau eines Hochregallagers beauftragt. Zudem war er als Fachkraft für Arbeitssicherheit für die sicherheitstechnische Betreuung der Baumaßnahmen zuständig.

Unfallhergang

Am Morgen des Unfalltages erschienen unangemeldet mehrere Beschäftigte eines Unternehmens für Schienenverlegung auf der Baustelle. Sie wollten eine Stahlschiene für das Regalbediengerät auf dem Gangboden im Hochregallager-Neubau verlegen. Die Arbeiten waren bei dem Auftraggeber an dem Tag jedoch nicht eingeplant.

An der Stirnseite des Bedienganges stand zu diesem Zeitpunkt ein Gerüst, an dem ein Bauaufzug angebaut war und das den Einbau der Stahlschiene behinderte. Für die Verlegung der Stahlschiene war die Demontage des Bauaufzugs erforderlich.

Klaus Müller plante deshalb, den Bauaufzug kurzfristig durch den Montageservice abbauen zu lassen, der den Aufzug auch errichtet hatte. Müller nahm hierzu umgehend Kontakt mit der Firma auf. Das Montageservice-Unternehmen teilte ihm jedoch mit, dass ein Monteur für den Abbau des Bauaufzuges nicht sofort zur Verfügung stand.

Müller beschloss nun, Jochen Walter (Name geändert) – Mitarbeiter einer Fremdfirma – zu bitten, mit ihm gemeinsam den Aufzug zu demontieren. Beide hatten sich dazu anhand der Betriebs- und Montageanleitung über den Abbauvorgang informiert und kamen zu der Einschätzung, dass die Demontage in Eigenregie machbar sei.

Der Abbau erfolgte, indem Jochen Walter von der Lastbühne des Bauaufzugs aus die Führungsschienen-Elemente, von oben beginnend, einzeln abbaute und die jeweilige Führungsschiene in die Lastbühne setzte. Er wurde dabei in der Lastbühne durch Klaus Müller vom Boden aus verfahren.

Im Augenblick des Unfalls hatte Jochen Walter in einer Höhe von etwa acht Metern ein weiteres Führungsschienen-Element demontiert. In diesem Moment fuhr die Lastbühne – für ihn völlig unerwartet – wenige Zentimeter nach unten. Dabei entstand eine ruckartige Bewegung der Lastbühne, sodass das Führungsschienen-Element Jochen Walter aus der Hand glitt und herabstürzte.

Klaus Müller befand sich zu diesem Zeitpunkt unterhalb eines Gerüstteils und wollte dem herabfallenden Element ausweichen. Dabei stürzte er jedoch und zog sich schwerste Kopfverletzungen zu.

Unfallursache

Grundsätzlich ist eine Personenbeförderung im verwendeten Bauaufzug laut Hersteller untersagt und gilt als nicht bestimmungsgemäße Verwendung. Mitfahrten in der Lastbühne für Montage-, Demontage- und Wartungsarbeiten sind davon jedoch ausgenommen. In diesem Fall sind allerdings besondere Schutzmaßnahmen einzuhalten. So dürfen die Arbeiten nur von fachkundigen Personen durchgeführt werden. Zu den Maßnahmen gehören außerdem:

  • Die vom Hersteller vorgesehenen Absturzsicherungen müssen verwendet werden.
  • Die Lastbühne darf nur von der Person in der Lastbühne (mittels Verlängerungsleitung für die Steuerung) bedient werden.

Klaus Müller und Jochen Walter führten die Demontage in Eigenregie durch – ohne notwendige Kenntnisse oder praktische Erfahrungen zur sicherheitsgerechten Handhabung. Projektleiter Müller hätte – insbesondere als Verantwortlicher für das Bauvorhaben und nach dem Lesen der Betriebs- und Montageanleitung – erkennen müssen, dass die Demontage nur durch einen fachkundigen Monteur hätte erfolgen dürfen. Trotzdem entschloss er sich zum eigenmächtigen Handeln, um einen möglichen Zeitverzug bei den Baumaßnahmen zu verhindern.

Nur ca. zwei Stunden nach dem Unfall traf ein Monteur des Montageservice-Unternehmens auf der Baustelle ein, um den Bauaufzug fachgerecht zu demontieren. Klaus Müller erlag wenige Tage später im Krankenhaus seinen Verletzungen.

 

Michael Schubert / Sebastian Seegert

Ausgabe 5.2019

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