etem - Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Querschnittlähmung nach Unfall

„Immer das Beste daraus machen!“

Das Foto zeigt einen jungen Mann auf einem E-Bike. Im Hintergrund ist eine grüne Hecke schemenhaft zu erkennen. Der junge Mann lächelt in Richtung des Betrachters.

Einmal Sportler, immer Sportler: Mirko Stöber trainiert regelmäßig mit dem E-Bike

Sonntagabend, 12. Februar 2017. Produktionsleiter Mirko Stöber ist auf der A1 unterwegs zu seiner Dienstwohnung in Euskirchen. In der Nähe der Anschlussstelle Remscheid gerät ein Pkw mit Anhänger in die Mittelleitplanke. Der Anhänger kippt um, die Ladung verteilt sich auf allen drei Fahrbahnen. Mirko Stöber macht eine Vollbremsung und versucht, sich durch das Trümmerfeld zu lavieren. Da erwischt es ihn von hinten, er dreht sich, ein zweiter Pkw knallt ihm in die Seite, ein dritter in die Front. Über 20 Fahrzeuge sind in den Massenunfall verwickelt.

„Mir war an sich schon im Auto klar, was da mit mir passiert ist. Ich konnte ja sofort meine Beine nicht mehr bewegen und hatte ein Taubheitsgefühl“, erinnert sich Stöber. „Ein anderer Unfallbeteiligter meinte zu mir, das wäre ein Schocktrauma vom Gurt und würde gleich wieder aufhören. Aber ihm habe ich schon geantwortet, dass ich das nicht glaube.“

Mirko Stöber muss von den Rettungskräften aus seinem Fahrzeug rausgeschnitten werden. Er wird zur Erstversorgung nach Remscheid, dann mit dem Rettungshubschrauber nach Köln-Merheim transportiert. Dort wird seine Vermutung bestätigt. Die Diagnose lautet: Inkomplette Querschnittlähmung.

Bestmögliche Hilfe

„Zum Glück bin ich nach einigen Tagen in die BG-Klinik Bergmannsheil in Bochum verlegt worden“, freut sich Stöber heute. „Man hat gleich gemerkt, die sind auf solche Verletzungen spezialisiert. Es fing an damit, dass man mir beigebracht hat, wie ich mich lagern muss, um ein Wundliegen zu vermeiden. Wie kann ich mich am besten waschen? Gestern war man ja noch kein Querschnitt, da stellt man sich halt ein paar Fragen. Und dort wurde mir alles vernünftig erklärt.“

Mit dem Thema Berufsgenossenschaft hat sich Mirko Stöber bis zu diesem Zeitpunkt nur am Rande beschäftigt. „Ich war ja in Führungsverantwortung und da taucht im Zusammenhang mit Arbeitssicherheit und Arbeitsunfällen immer wieder die BG auf. Ich war sogar ein wenig verwundert, als nach meinem Unfall Frau Burek, als Rehamanagerin der BG, mit mir Kontakt aufnahm. Denn der Unfall war ja nicht bei der Arbeit, sondern im Auto passiert. Welche Tragweite die Absicherung durch die BG auch bei Wegeunfällen hat und wie glücklich diese Fügung für mich ist, wurde mir erst nach und nach bewusst.“

Schon beim ersten Treffen in der BG-Klinik ist Verena Burek beeindruckt von der positiven Einstellung Mirko Stöbers. Während er noch in der Klinik seine Therapie durchzieht, beginnt sie mit einem Architekten und Stöbers Ehefrau den von der BG finanzierten Umbau des Hauses zu planen. Der Hauseingang wird barrierefrei umgestaltet, die Küche mit unterfahrbarer Spüle und Herd ausgestattet und vor allem das Bad im Obergeschoss behindertengerecht umgebaut.

Lachend erinnert sich Verena Burek, wie Mirko Stöber sie immer wieder bremsen wollte: „Ach, die Stufe zur Haustür schaffe ich mit meinem Rollstuhl, das muss nicht gemacht werden. Oder als ich ihm anbot, dass die BG ihm für seinen ersten Heimaturlaub von der Klinik die Taxifahrt nach Hause bezahlt, wollte er austesten, ob er nicht gemeinsam mit seiner Frau die Strecke mit der Bahn bewältigt.“

„Das war allerdings keine so gute Idee“, gibt Mirko Stöber zu. „In Bochum hat das noch super funktioniert, beim Umsteigen in Hamm gab es schon Probleme, weil ein Aufzug kaputt war, und aus der Lokalbahn klappte es beim Aussteigen gar nicht. Mehrere Passagiere mussten mich aus dem Zug rausholen.“

Mobilität wiedererlangen

Nach mehreren Wochen in Bergmannsheil kann Mirko Stöber plötzlich einen Zeh bewegen. „Da wurden dann alle Ärzte ganz wild und meinten, da müssen wir einmal schauen, was wir durch ein Training mit Hilfe eines Exoskeletts erreichen können.“

Mirko Stöber: Training auf dem Laufband

Auf dem Laufband übt Mirko Stöber täglich, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Mittels computergesteuerter Motoren, die am Körper fixiert sind, werden bei dieser Methode ausgefallene Körperfunktionen des Trägers ersetzt bzw. unterstützt. „Da habe ich dann das erste Mal wieder gestanden, das war natürlich der Wahnsinn. Als BG-Patient habe ich die bestmögliche Behandlung erhalten. Ärzte und Therapeuten haben großen Einsatz gezeigt. Zum Ende der Behandlung war ich in der Lage, mit einem Rollator 50 bis 100 Meter selbstständig zurückzulegen.“

Aufgrund dieser guten Mobilität wurde im Haus auch auf Wunsch von Mirko Stöber auf den Einbau eines Aufzuges verzichtet. Nach Anbringung eines zweiten Handlaufes bewältigt er die Treppe zwischen Erdgeschoss und 1. Etage aus eigener Kraft.

Vor seinem Unfall war Stöber Läufer. Regelmäßig standen Marathons und Hindernisläufe auf dem Programm. Heute ist sein Trainingsgerät ein Fahrrad. Kein Handbike, sondern ein Liegerad mit starker Unterstützung durch einen Elektromotor, sodass es mit sehr geringem Krafteinsatz gefahren werden kann. „So habe ich die Möglichkeit rauszukommen, den Frühling zu riechen, zu sehen, wie die Bäume wieder ausschlagen, und verschwitzt nach Hause zu kommen. Wenn ich mich nach einer Tour aufs Sofa lege, bleiben meine Beine ruhig liegen, wie bei einem gesunden Menschen, weil die kreisenden Bewegungen und die Anstrengung der Spastik entgegenwirken. Wenn ich hingegen acht Stunden im Rollstuhl sitze, dann ist der Tag gelaufen, dann zieht sich alles nach innen und mein Körper macht Dinge, die ich nicht machen will.“

Daher hat die BG ETEM auch ein Laufband finanziert. Damit übt Mirko Stöber täglich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das ist wichtig, weil das Bewegungsmuster sonst schnell verkümmert. „Der Reha-Sport für die Funktionsverbesserung oder für den Funktionserhalt ist nur ein Aspekt“, weiß Verena Burek. „Ein wesentliches Ziel der Rehabilitation ist, den Versicherten die Teilhabe am Arbeitsleben und am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Sport und Sportgemeinschaften kommen dabei eine wichtige Rolle zu.“

Mirko Stöber im Gespräch mit seiner Rehaberaterin

Rehamanagerin Verena Burek von der BG ETEM hat den Umbau von Mirko Stöbers Haus schon organisiert, als er noch in der Klinik war.

Berufliche Neuorientierung

Schon vor seinem Unfall hatte Mirko Stöber bei seinem alten Arbeitgeber gekündigt, um in einem anderen Unternehmen als Berater für Unternehmensprozesse einzusteigen. Obwohl der neue Arbeitgeber nach dem Unfall weiterhin an ihm interessiert war, entschied sich Stöber dagegen.

„Das Problem ist, dass ich auch jetzt noch nicht weiß, wie viel ich in der nächsten Woche arbeiten kann. Das hängt davon ab, wie es mir nächste Woche geht. Wie oft macht das ein Arbeitgeber mit, dass ich morgens anrufe und sage: Tut mir leid, es geht heute nicht.“ Aus diesem Grund hat Stöber die Selbstständigkeit gewählt.

Durch seine Verletztenrente ist Mirko Stöber finanziell abgesichert. Den Einstieg in die berufliche Selbstständigkeit kann er behutsam angehen. Das ist auch gut so, weil er in die neue Aufgabe erst hineinwachsen muss. „Seit ich im Rollstuhl sitze, hat mein Selbstvertrauen bei beruflichen Kontakten schon einen kleinen Schlag mitbekommen. Es ist viel einfacher, sich in einem schicken Anzug und zu Fuß als neuer Berater vorzustellen, als im Rollstuhl. Hinzu kommt, dass viele Produktionsunternehmen nicht barrierefrei sind.“

Aber Mirko Stöber bleibt optimistisch: „Ich versuche immer das Beste daraus zu machen“, stellt er fest und fügt hinzu: „Zurückblickend ist eigentlich alles 1.000 Prozent besser gelaufen, als ich es unmittelbar nach dem Unfall erwartet hätte.

Christoph Nocker

Ausgabe 5.2018

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