etem - Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Stress reduzieren

Raus aus dem Tunnel

Das Foto zeigt einen blauen Notizzettel mit dem Text "Atempause". Daneben liegt eine Verpackung mit dem Text "Kurzpausen". Das ist der Hinweis zum neuen Tool "KURZPAUSEN" der BG ETEM, das hilft, den Stresspegel zu senken.

Das neue Tool KURZPAUSEN der BG ETEM will helfen, aus Stresssituationen auszusteigen.

Warum ist Stress ein offenbar wachsendes Problem?

Weniger: Stress ist zunächst einmal keine Krankheit. Stress ist ein wichtiger Baustein, der uns das Überleben sichert. Als kurzfristiges Phänomen ermöglicht er uns, auf Herausforderungen oder Gefahren zu reagieren. Doch wenn Stress chronisch wird, kann er gesundheitliche Auswirkungen haben.

Mields: Stress ist die Antwort des Körpers auf Herausforderungen. Wird er aber zum Dauerzustand, hat das Folgen.

Weniger: Die Veränderungen in der Arbeitswelt durch die Digitalisierung erzeugen häufig Unsicherheit. Wenn ich nicht weiß, ob ich morgen noch einen Job habe, verschiebe ich nach meiner Erfahrung meine Grenzen deutlich mehr in Richtung Arbeit, als gesund ist. Unsicherheit führt so letztlich zu mehr Stress.

Entscheidend ist auch die Berechenbarkeit von Situationen. Kann ich sie beeinflussen oder nicht? Wenn mich mein Chef jeden Montag um 9 Uhr beschimpft, kann ich mich darauf einstellen. Etwas anderes ist es, wenn er zweimal im Monat aus heiterem Himmel explodiert.

Logo: KommMitMensch

Welche Auswirkungen hat chronischer Stress für die Betriebe?

Mields: Häufig wird mit der Digitalisierung auch eine zunehmende Informationsüberflutung in Zusammenhang gebracht. Viele Beschäftigte, aber vor allem auch Führungskräfte klagen über eine Schwemme an E-Mails und wie sie dadurch schon morgens in Stress geraten. Gestresste Mitarbeiter treffen unter Umständen falsche Entscheidungen. Viele Unfälle haben einen Stresshintergrund, Leute stehen unter Zeitdruck, haben das Gefühl, sie müssen noch eben schnell was erledigen, die Kommunikation läuft nicht einwandfrei – und dann passiert es. Für uns, die BG ETEM, gute Gründe, das Thema aufzugreifen.

Weniger: Jüngere Untersuchungen zeigen, dass Stress und Stress-Folgeerkrankungen inzwischen volkswirtschaftlich eine größere Bedeutung haben als Muskel-Skelett-Erkrankungen. Die Betriebe sollten daher ein Interesse haben, dem entgegenzuwirken.

Unter welchen körperlichen Folgen leiden Betroffene?

Weniger: Typische Beschwerden sind Schlaflosigkeit, Verdauungsprobleme, ein geschwächtes Immunsystem und natürlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Mields: Inzwischen bringt man 60 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage mit Stress in Verbindung – zumindest in der Form, dass der Krankheitsverlauf negativ beeinflusst wird.

Weniger: Das stimmt, auch weil die Erkrankung selbst wiederum Stress verursachen kann.

Wie beeinflusst Stress die Leistungsfähigkeit?

Weniger: Wenn ich vollkommen stressfrei bin, fehlt mir Spannung und meine Leistung ist relativ gering. Moderat gestresst ist sie optimal. Steigt der Stresspegel aber, sinkt die Leistung signifikant. Wenn das chronisch wird, befinden sich Menschen zunehmend in einer immer stärker stressauslösenden Spirale: Fehler und Misserfolge nehmen zu und in der Folge häufen sich negative Gedanken, die wiederum Stress verstärken. Bleibt dieses Erleben über einen längeren Zeitraum bestehen, bekommen Betroffene oft eine Art Tunnelblick. Sie merken nicht, dass sie eigentlich eine Pause brauchen. Dann landen sie irgendwann beim Arzt und sagen, der Burnout kam wie angeflogen. Das liegt daran, dass sie die Warnsignale nicht wahrgenommen haben. Es geht also da rum, immer wieder aus Stresssituationen rauszukommen. Deswegen finde ich die Idee mit den KURZPAUSEN total genial.

Dieses Foto zeigt Dr. Matthias Wenger und Dr. Just Mields. Sie sitzen beide nebeneinander an einem Tisch. Sie schauen auf verschieden farbige Karten zum Thema "Kurzpausen" und unterhalten sich dabei.

Dieses Foto zeigt Dr. Matthias Wenger und Dr. Just Mields. Sie sitzen beide nebeneinander an einem Tisch. Sie schauen auf verschieden farbige Karten zum Thema „Kurzpausen“ und unterhalten sich dabei.

Was verbirgt sich dahinter?

Mields: Mit KURZPAUSEN haben wir ein neues Tool geschaffen. Es soll helfen, den eigenen Körper wieder zu spüren, sich neu zu erden und aus der Stresssituation auszusteigen. Das kann ganz schnell gehen.

Die kürzeste Übung dauert nur eine Minute. Bereits in dieser Zeit kann ich merken, dass es mir möglich ist, wieder neue Prioritäten zu setzen. Ich beiße mich nicht länger an schwierigen Gedanken fest und finde zurück in die Handlungsfähigkeit.

Weniger: Die positive Wirkung von Kurzpausen zeigt auch eine Studie, bei der Chirurgen während Operationen unter die Lupe genommen wurden. Die einen operierten wie gewohnt durch, die anderen mussten alle halbe Stunde fünf Minuten Pause machen. Das Ergebnis: Die Gruppe mit Pause war deutlich entspannter, hatte niedrigere Stressparameter und es gab weniger Komplikationen bei ihren Operationen. Außerdem operierten sie trotz der Pausen genauso schnell wie die Vergleichsgruppe.

Bessere Arbeitsergebnisse dank Kurzpausen. Das heißt, auch die Betriebe haben etwas davon?

Weniger: Ja, sicher. Wenn meine Mitarbeiter Oberkante Unterlippe schaffen, besteht die Gefahr betriebswirtschaftlicher Verluste. Dann ist die Wahrscheinlichkeit von Fehlern, Fehlentscheidungen oder teuren Materialschlachten viel größer.

Wenn ich es als Unternehmer schaffe, den Stresspegel meiner Leute zu senken, fühlen sie sich besser, sind deutlich gesünder und die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft steigern sich. Das sehen wir in unseren Kursen und Coachings immer wieder. Zudem werden sie ganz anders über ihr Unternehmen sprechen – möglicherweise mal wichtig beim Wettbewerb um Fachkräfte. Das ist vielleicht kurzfristig nicht gleich messbar – mittel- bis langfristig aber definitiv.

Mields: Wir wollen, dass Selbstfürsorge zu einem Thema in den Betrieben wird. Wie kann ich gesund an meinem Arbeitsplatz sein? Das gilt für den Chef genauso wie für die Beschäftigten. Sie alle können lernen, für sich selbst zu sorgen. Das kann heißen, dass man auch mal bei der Fahrt zum Kunden draußen auf dem Parkplatz eine Übung macht. Es geht darum, achtsam zu sein, Stressfaktoren zu bemerken und im Tagesverlauf, wo möglich, darauf zu reagieren – zum Beispiel mit einer Kurzpause.

Wann ist eine Kurzpause gelungen?

Weniger: Wenn ich mich wohl dabei fühle, zu mir gekommen bin und danach leistungsstärker und zufriedener bin. Dazu bieten die Karten der KURZPAUSEN unterschiedliche Möglichkeiten – ganz nach individuellen Vorlieben. Das kann man selbst ausprobieren.

Mields: Das Tool bietet für jeden Bereich – Entspannung, Bewegung, Motivation, Konzentration – fünf verschiedene Übungen an. Die knüpfen an die klassischen Verfahren an – progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation –, allerdings in sehr verkürzter Form. Das ersetzt keine vollständigen Kurse, aber es bietet einen Einstieg in einen direkten Stressausgleich und zur Verbesserung der Erholungsfähigkeit.

Weniger: Ich hoffe, es fühlen sich möglichst viele Menschen angesprochen.

Mields: Die Betriebe können das Tool als Ergänzung zum betrieblichen Gesundheitsmanagement nutzen. Wir wünschen uns, dass die damit verbundene Achtsamkeit und Selbstfürsorge Teil der Unternehmenskultur – einer Kultur der Prävention – werden. Daher auch die Anbindung an unsere Kampagne kommmitmensch.

Ist das auch für Kleinbetriebe machbar?

Weniger: Gerade für Kleinbetriebe sind solche Tools hilfreich. Denn hier geht vieles auf der persönlichen Ebene. Es geht darum, sich für das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz zu sensibilisieren – letztlich ist es eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Kernfrage ist: Wie richte ich meine Unternehmenskultur aus und sage: Ja, das ist ein Thema? Nicht aus einer negativen Sicht nach dem Motto: Oh Gott, wir haben alle Stress. Sondern als Chance, sich offen damit auseinanderzusetzen – im Sinne von: Wollen wir nicht unser Betriebsklima so gestalten, dass es uns allen besser geht? Das setzt natürlich ein gewisses Umdenken voraus.

Wie halten Sie es selbst mit der Stressbewältigung?

Weniger: Mein Rezept lautet: jeden Tag morgens und abends eine halbe Stunde Meditation und dazu Sport. Außerdem achte ich sehr darauf, dass das Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatem passt. Und wenn ich mal merke, dass es zu viel wird, hilft mir die Meditation dabei, schnell wieder runterzukommen. Meine Sensibilität für mich selbst ist dadurch gewachsen.

Zur Person

Das Porträtfoto zeigt Dr. Matthias Weniger. Er hat kurze mittelblonde Haare und lächelt in die Kamera.

Dr. Matthias Wegener ist Arzt, Berater und Trainer. Über Zusatzausbildungen kam der heutige Leiter der Psychokardiologie an der Bergmannsheil und Kinderklinik Buer in Gelsenkirchen zur Stressmedizin. Als Vorstand des von ihm mitgegründeten Instituts für Stressmedizin Rhein Ruhr berät er Unternehmen zu Stressprävention und -bewältigung.

Zur Person

Das Porträtfoto zeigt Dr. Just Mields. Er hat graue Haare und schaut in Richtung der Kamera.

Dr. Just Mields ist Arbeitspsychologe bei der BG ETEM.

Ausgabe 4.2019

Erhalten Sie aktuelle Informationen direkt in Ihre Mailbox

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an, um über die aktuellsten Themen informiert zu werden und immer auf dem neuesten Stand zu sein.