Vorbild Deutschland

Pakistanische Ärzte und Arbeitsschutz-Spezialisten besuchten im Rahmen eines zweiwöchigen Seminars die Bildungsstätte der BG ETEM in Dresden. Sie waren begeistert von der Sicherheitskultur in Deutschland.
Arbeitsschutz für Pakistan

Gruppenbild pakistanischer Ärzte und Arbeitsschutzspezialisten mit BG-ETEM-Mitarbeiterin in der Bildungsstätte der BG ETEM

Abschied nach erlebnisreichen Tagen in Dresden. Das „Team Pakistan“ stellt sich zum Gruppenbild in der Bildungsstätte der BG ETEM auf. Mittendrin: Organisationschefin Dorothee Hübner und Referent Dr. Christian Bochmann (mit pakistanischem Hut).

Die Bilder aus der Klinik „Bergmannstrost“ haben sich tief im Kopf von Dr. Sajid Rasheed eingeprägt. Bilder von hoch spezialisierten deutschen Kollegen, die in einem der modernsten Trauma-Zentren Europas mit mikrochirurgischen Techniken auch eine abgetrennte Hand wieder annähen können. Sie werden Sajid Rasheed noch lange begleiten und bei seiner Arbeit ermutigen.

Ein Traum für den pakistanischen Arzt, der eine kleine medizinische Einheit in Faisalabad in der Provinz Punjab leitet. Als Director Medical im Punjab Employees Social Security Institute hat er in der pakistanischen Form einer Sozialversicherung für Angestellte eine leitende Funktion. Rasheed ist Realist. „Es wird dauern, aber wir haben den Willen und das Ziel, solche Standards auch in unserem Land zu verwirklichen“, sagt der 47-jährige Mediziner.

Rasheed geht es um mehr als hoch qualifizierte Chirurgie. Was ihn und die Mitglieder einer pakistanischen Delegation so fasziniert, ist die interdisziplinäre Arbeit im BG Klinikum „Bergmannstrost“ in Halle – die enge Verzahnung von Akutmedizin mit frühestmöglicher Rehabilitation: Vor allem die berufliche Rehabilitation und die Wiedereingliederung der Patienten in das Arbeits- und Lebensumfeld. Dass alles dafür getan wird, etwa Unfallopfer wieder an ihrem alten Arbeitsplatz zu integrieren.

Oder ihnen Alternativen zu ermöglichen, wenn der frühere Job mit der angenähten Hand einfach nicht mehr möglich ist. „Warum soll er denn nicht Lehrer werden?“ Dieser Gedanke fasziniert Sajid Rasheed. Der Besuch in der Notaufnahme, in der Station für Rückenmarkverletzte und der Therapie-Abteilung war für ihn ein Highlight der zweiwöchigen Fortbildung.

Beispiel für mehr Prävention

Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat den Dresden-Trip der 22 Gäste aus Asien finanziert. Organisiert und begleitet hat ihn die BG ETEM mit Dorothee Hübner aus dem Referat Statistik als Organisationschefin. Die Berufsgenossenschaft ist der perfekte Partner für das Pakistan-Projekt, weil sie auch in Deutschland Unternehmen der Textilbranche im Arbeitsschutz berät.

Die Textilproduktion gehört zu den wichtigsten Industriezweigen Pakistans. Die pakistanischen Betriebsärzte, Arbeitsinspektoren, Gewerkschafter, Arbeitgeber und Mitarbeiter von staatlichen Wohlfahrtsorganisationen sollen die Rolle der BG im deutschen Sozialversicherungssystem kennenlernen. Die BG ETEM zeigt dazu Beispiele für Erfolgsfaktoren beim Aufbau eines effektiven Systems.

Mehr und bessere Prävention senkt die Zahl der Arbeitsunfälle und bedeutet geringere Kosten für die Arbeitgeber. Eine einfache Gleichung, die sich Unternehmen zunutze machen wollen. Der Anfang ist gemacht, in ersten Initiativen ist es gelungen, „ein Stück BG in Pakistan zu implementieren“, sagt Dorothee Hübner: durch die Erfassung von Arbeitsunfällen, durch Dokumentation und Auswertung. „Der Erfolg der Prävention muss messbar sein“, fügt die Expertin hinzu.

Ideen für Pakistan

Sozialversicherung und moderne Arbeitsstandards als Basis für nachhaltiges Wirtschaftswachstum stehen in Dresden im Fokus. Prävention, Rehabilitation und die Bewältigung von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten sind die Stichworte. Theorie und praktische Workshops, gezielte Informationen, spezielle Trainings für Arbeitsinspektoren, Besuche bei der Porsche AG in Leipzig und der Getzner Textil Weberei GmbH in Gera runden den Arbeitsbesuch ab. Die meisten Gäste kommen aus Punjab, der größten pakistanischen Provinz, in der mehr als die Hälfte der 180-Millionen-Bevölkerung lebt.

Die Eindrücke von „Bergmannstrost“ noch im Kopf, geht es am nächsten Tag um die „Vision Zero“. Um die Vision einer Welt ohne Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen, um umfassende Prävention. Und um sieben goldene Regeln für sichere und ökonomische Textilproduktion in Pakistan.

Muhammad Mujahid Khan greift beherzt zu

Muhammad Mujahid Khan greift beherzt zu

Die Kollegen von Muhammad Mujahid Khan freuen sich über den Spaß am Rande.

Die Kollegen von Muhammad Mujahid Khan freuen sich über den Spaß am Rande

Die „Vision Zero“ ist das Feld von Dr. Christian Bochmann vom Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG). Bochmann wendet den Anspruch vom interaktiven Lernen in seinem Seminar konsequent an. Er hat das Training dafür entwickelt. Am Ende der Tage von Dresden soll jeder Teilnehmer „transfer projects“ mit in die Heimat nehmen. Ideen, wie die deutschen Systeme zumindest in Teilbereichen in Pakistan umgesetzt werden könnten. „Die Leader, die sich hier mit Engagement einbringen, sind die Leute, die im Land etwas voranbringen.“ Das weiß Bochmann aus Trainings in beiden Ländern.

Lernen mit Krokodilen

Sachlichkeit, Kreativität und Fantasie sind gefragt, wenn es im Lern-Spiel mit großen Puzzleteilen auf dem Fußboden plötzlich um Krokodile geht. Und um die Frage, wie man sich effektiv vor Gefahren in Industriebetrieben schützen kann. Reicht es, ein Schild aufzuhängen, das vor Gefahren beim Umgang mit Maschinen warnt? Oder muss man das „Krokodil“ im Werkraum zähmen oder gar einsperren?

Spielzeugkrokodil liegt auf einer Handfläche

Interaktives Lernen mit Kreativität, Fantasie und viel Spaß: Da kann auch mal ein kleines Krokodil in der „Vision Zero“-Wundertüte stecken.

„Alle sind motiviert dabei“, stellt Dorothee Hübner jeden Tag fest. „Sie sind sehr wissbegierig und lernfähig, dankbar über jeden Input, der sie in ihrem Fachbereich weiterbringt“. Die „Vision Zero“ ist angesichts der Strukturen in Pakistan noch eine weit entfernte Traumwelt. Aber alle eint der Glaube daran, dass Prinzipien des deutschen Arbeitsschutzes auch in Pakistan möglich sind. Sie sind zuversichtlich, in ihrem Land ähnliche Sozialversicherungssysteme wie die BG ETEM installieren zu können.

BG-ETEM-Mitarbeiterin Dorothee Hübner

Sie sorgte für eine perfekte Organisation: BG ETEM-Mitarbeiterin Dorothee Hübner.
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Statements von Teilnehmern

Bilal Ahmad (37), Politik-Berater, GIZ Pakistan

Bilal Ahmad (37), Politik-Berater, GIZ Pakistan

„Der Respekt und die Menschlichkeit, mit dem jedem Einzelnen im deutschen Sozialversicherungssystem begegnet wird, ist unglaublich beeindruckend. Dieses starke System ist ein Gewinn für den Staat und seine Bürger.

Wir werden nicht alle Aspekte davon auf einmal umsetzen können, aber Schritt für Schritt, beginnend mit einer verbesserten Prävention.

Die Idee der starken Verbindung aller Institutionen müssen wir mitnehmen nach Pakistan: Prävention, Rehabilitation, Entschädigung, Arbeitsaufsicht, die Förderung einer sichereren Arbeitswelt.

Ja, das ist auch in Pakistan möglich, wenn alle Akteure der Gesellschaft, von den staatlichen Institutionen bis zu den Angestellten, eng zusammenarbeiten. Aber es wird Jahre der Anstrengung dauern.“

 

Dr. Sajid Rasheed (47), Direktor Medizin, Punjab Emplyees Social Security Institute

Dr. Sajid Rasheed (47), Direktor Medizin, Punjab Emplyees Social Security Institute

„Ich habe sehr viel Neues gelernt, sehr gute Informationen bekommen, es ist unglaublich. Über Diagnostik, Physikalische Therapie, Mikrochirurgie und viele andere Themen.

Der Besuch in der Klinik ‚Bergmannstrost‘ war wie die Öffnung einer neuen Welt. Die Tage in Dresden waren eine Inspiration, etwa die Art, wie auf vielen Wegen versucht wird, Menschen nach schweren Verletzungen wieder an Arbeitsplätze zu bringen.

Es wird dauern, aber wir haben den Willen und das Ziel, solche Dinge in unsere Systeme zu implementieren.“

 

Muhammad Mujahid Khan (32), Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsbeauftragter, Zentrum für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Umwelt, Lahore

Muhammad Mujahid Khan (32), Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitsbeauftragter, Zentrum für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Umwelt, Lahore

„In unserem Zentrum trainieren wir mit Arbeitern, wie Unfälle und Verletzungen vermieden werden können. Die Arbeitsinspektoren in unseren Betrieben sind bei weitem nicht so gut ausgebildet und qualifiziert wie in Deutschland. Darauf müssen wir den Fokus legen und die Einstellung des Managements dazu ändern.

Neue Trainingsmethoden und die Exkursionen in Klinik und Betriebe waren für mich die beeindruckendsten Erlebnisse. Aber auch die Diskussionen im Klassenraum, die Entwicklung von Ideen zur Verbesserung des Arbeitsschutzes.

Die Idee des deutschen Systems möchte ich mitnehmen nach Pakistan. Das Konzept „Vision Zero“ und die dazu passenden Strategien der Prävention, die Erfassung von Arbeitsunfällen, ihre Dokumentation und Auswertung. Dies muss auch in den Unternehmen ankommen.“

 

Farida Zaher, Generalsekretärin der Gewerkschaft Pakistan National Textile Leather Garments & General Workers Federation

Farida Zaher, Generalsekretärin der Gewerkschaft Pakistan National Textile Leather Garments & General Workers Federation

„Wir lernen hier sehr viel für die Verbesserung der Situation der Arbeiter in Pakistan. Dafür muss sich vor allem in den Köpfen der Manager viel ändern.

Sehr gut daher der Besuch in der Textilfirma in Gera, um einmal völlig andere Arbeitsbedingungen kennenzulernen. Die wir dann zu Hause auf die Prozesse in unserer Textilindustrie übertragen müssen, etwa im Bereich Arbeitsaufsicht und Sicherheit am Arbeitsplatz.

Ich bin dankbar, dass die GIZ uns bei diesem Wissen unterstützt und uns diese Erfahrungen ermöglicht.“

 

Muzzammil Husain, Inhaber einer kleinen Handtuchfabrik und Betreiber eines kleinen Hospitals mit 65 Betten, Generalsekretär der Towel Manufacturers Association, Karachi

Muzzammil Husain, Inhaber einer kleinen Handtuchfabrik und Betreiber eines kleinen Hospitals mit 65 Betten, Generalsekretär der Towel Manufacturers Association, Karachi

„Notaufnahme, Strategien zur Rehabilitation und Wiedereingliederung, das gibt es alles in Pakistan nicht. So etwas wie die BG Klinik ‚Bergmannstrost‘ habe ich noch nie gesehen. Das war sehr beeindruckend.

In unseren Unternehmen wollen wir initiativ werden, vor allem im Arbeitsschutz und bei der Prävention von Arbeitsunfällen. Ich werde mein Bestes geben im Bereich Rehabilitation und kleine Dinge verbessern. Und natürlich in den anderen Betrieben die Systeme der Kranken- und Sozialversicherung vorstellen.“

 

Zaigham Abbas Mazhar, Bezirksdirektor Gujranwala-east im Labour and Human Resource Departement, Punjab

Zaigham Abbas Mazhar, Bezirksdirektor Gujranwala-east im Labour and Human Resource Departement, Punjab

„Das Ziel, jeden Arbeitnehmer nach Unfall oder schwerer Krankheit wieder zurück an seinen Arbeitsplatz zu bringen, ist sehr eindrucksvoll. Wir haben sehr viel über das deutsche System der Sozialversicherung gelernt, speziell zum Thema Rehabilitation.

Das war völlig neu für mich. Respekt und Menschlichkeit im Umgang mit den Patienten etwa. Da ist noch sehr viel Raum für Verbesserungen in Pakistan. Fuß- und Handprothesen gibt es dort auch, aber nicht über eine Versicherung. Davon träume ich.“

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etem – Online-Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung

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