etem - Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Kultur der Prävention

Dunkle Flecken ausleuchten

Das Bild zeigt eine junge Frau, die gerade ihren Stift anspitzt. Sie sitzt an einem Schreibtisch. Im Hintergrund wird sie von einem Mann dabei beobachtet. Auf dem Foto ist noch ein Hinweis für ein Video zum Thema "Der Bleistift" (www.kommmit mensch.de) zu sehen.

Sehen Sie „Der Bleistift“ und andere Videos auf www.kommmitmensch.de

 Logo komm-mit-Mensch: Sicher. Gesund. Miteinander.

Gemeinsam mit ihren Mitgliedsbetrieben entwickelt die BG ETEM Angebote, mit denen Betriebe Sicherheit und Gesundheit im Rahmen der Unternehmenskultur zum Thema machen können. Der erste Schritt: hinschauen und zuhören.

Im Auftrag der BG ETEM hat das Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in fünf Mitgliedsunternehmen 40 Interviews geführt, um zu erfahren, wie es dort um die Präventionskultur bestellt ist.

Psychische Belastung

Wirtschaftlicher Druck und die damit einhergehende Angst der Mitarbeitenden vor Arbeitsplatzverlust führen, wie die Befragung gezeigt hat, zu psychischen Belastungen und Erkrankungen. Längere Ausfallzeiten der Beschäftigten sind infolgedessen keine Seltenheit. Vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung psychischer Fehlbelastungen sind in den meisten der befragten Betriebe nicht etabliert. Stattdessen wird die Ursache für psychisch bedingte Ausfälle fast ausnahmslos dem Privatleben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugeschrieben.

Dass sich eine hohe Arbeitsbelastung oder Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes negativ auf die psychische Gesundheit auswirken kann, wird häufig nicht gesehen. So werden psychische Belastungen bei Gefährdungsbeurteilungen nur selten berücksichtigt, da die Chancen, die in der Gestaltung gesundheitsgerechter Arbeitsbedingungen liegen, nicht gesehen werden.

Soziales Klima

Auch das soziale Klima im Betrieb spielt für die individuelle psychische Belastung eine wichtige Rolle. Die Interviews zeichnen ein widersprüchliches Bild: Während das kollegiale Miteinander innerhalb einzelner Organisationseinheiten häufig als sehr gut beschrieben wird, ist die Wahrnehmung des allgemeinen Betriebsklimas oft deutlich negativer.

Durch eine Verschärfung des Wettbewerbs sind Zeit- und Finanzdruck für viele Mitarbeitende spürbarer geworden. Während des Normalbetriebs werden in den befragten Unternehmen selten Überstunden gefordert. Allerdings kommen sie bei den nicht selten auftretenden Auftragsspitzen oder gegen Projektende häufig unerwartet.

Führungskräfte können viel erreichen, wenn sie über bevorstehende Arbeitsspitzen frühzeitig informieren. Hintergrundinformationen erleichtern es Beschäftigten zudem, wirtschaftliche Notwendigkeiten zu erkennen und mitzutragen.

Der Stress, der durch Überstunden entsteht, führt ansonsten schnell zu einer Verschlechterung des Arbeitsklimas. Arbeitszeitkonten sowie ein Freizeitausgleich von Überstunden sind zwar üblich, aber andere entlastende, flexible Arbeitszeitmodelle (z. B. Teilzeitarbeit, Gleitzeit, Home Office) bleiben in der Regel Beschäftigten mit Bürotätigkeiten vorbehalten.

Herausforderung Kommunikation:

Hans ist Fachkraft für Arbeitssicherheit. Als er neue Leitlinien zur Präventionskultur vorstellt, stößt er auf Desinteresse.

Führung und Sicherheit

Möglichkeiten, beispielsweise mithilfe onlinebasierter Werkzeuge flexible Schichtpläne zu erstellen, werden bisher nur selten genutzt. Damit werden Gestaltungspotenziale verschenkt, die Flexibilität und Entlastung versprechen. Auch wenn nicht alle im Unternehmen Tätigen derartiger Lösungen bedürfen, so liegt in der Einführung von Maßnahmen zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung die Chance, dem Ungleichgewicht in der Freiheit der Arbeitszeitgestaltung zwischen produzierenden und verwaltenden Tätigkeiten entgegenzuwirken und das Betriebsklima insgesamt zu verbessern.

In den meisten Fällen wissen die Führungskräfte, dass die Verantwortung für Sicherheit und Gesundheit im Betrieb bei ihnen liegt. Im Arbeitsalltag wird sie jedoch eher dem Einzelnen zugeschrieben, wie die Befragung gezeigt hat. Die Mitarbeitenden sollen bei Problemen und Gefahrensituationen eigeninitiativ auf die Führungskräfte zugehen.

Dies ist in der Praxis nicht einfach, da häufig eine durch Hierarchie geprägte Distanz besteht, die eine aktive Thematisierung von Problemen durch die Mitarbeitenden erschwert. Zudem wird bei Arbeitsunfällen oftmals das individuelle Fehlverhalten des Einzelnen als ursächlich gesehen. Ein Rückbezug des fehlerhaften Verhaltens auf die Arbeitsbedingungen (z. B. Übermüdung durch Überstunden) geschieht in der Regel nicht.

Fehlerkultur

So verwundert es nicht, dass die Interviews insgesamt eine Kluft in der Wahrnehmung von Sicherheit und Gesundheit offenbart haben: Während Führungskräfte vorrangig eine positive Sichtweise auf den Themenkomplex haben, weisen Beschäftigte klarer auf bestehende Defizite hin.

Die Befragung hat gezeigt, dass Arbeitsunfälle insgesamt gut erfasst werden. Allerdings bestehen häufig noch blinde Flecken hinsichtlich der Dokumentation von kleineren Arbeitsunfällen und Beinahe-Unfällen. Diese werden häufig bagatellisiert und nicht gemeldet, da der Stolz der Mitarbeitenden bzw. der Wunsch, gängigen Männlichkeitsbildern gerecht zu werden, entgegensteht.

Herausforderung Beteiligung:

Moritz macht einige Lösungsvorschläge. Doch leider werden sie nicht umgesetzt. Schließlich zieht er sich frustriert zurück.

Beteiligung

Die Möglichkeit, Ideen zum Sicherheits- und Gesundheitsschutz einzubringen, wird sehr positiv wahrgenommen. Dabei kann die Beteiligungskultur je nach betrieblichen Bedürfnissen sehr unterschiedlich sein: Während Beschäftigte kleinerer Betriebe den direkten Weg zum Vorgesetzten suchen, werden in größeren Unternehmen häufiger onlinebasierte Beteiligungsplattformen genutzt, bei denen Ideen teilweise prämiert werden.

Herausforderung Führung:

Maren weiß von den psychischen Problemen ihres Mitarbeiters. Doch sie hat keine Idee, wie sie ihn ansprechen soll.

Die Interviews machen deutlich, dass Beteiligung ein Frustrationspotenzial in sich birgt, wenn eingebrachte Vorschläge nicht umgesetzt und die Gründe dafür nicht offengelegt werden. Gerade standardisierte Vorschlagswesen werden oftmals als Black Box empfunden. Dass Entscheidungsprozesse transparent gemacht und Ideengebende über den Status ihres Vorschlags informiert werden sollten, wird in den Betrieben häufig nicht gesehen.

Vivien Iffländer, Saskia Klein, Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) des Fraunhofer IOA

info

„etem“ berichtet regelmäßig über die Kampagne „kommmitmensch“ der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. In den nächsten Ausgaben stellen wir insbesondere die Beratungs- und Unterstützungsangebote der BG ETEM vor.

Ausgabe 3.2018

Erhalten Sie aktuelle Informationen direkt in Ihre Mailbox

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an, um über die aktuellsten Themen informiert zu werden und immer auf dem neuesten Stand zu sein.