etem - Das Magazin Ihrer Berufsgenossenschaft
Glosse

Voll wertgeschätzt!

Diese Illustration zeigt einen Mann. Er trägt einen Anzug und hält eine Tasche fest mit der linken Hand. Den rechten Daumen streckt er in die Höhe. Vor ihm eine Frau, sie trägt ein Kleid. Sie springt vor Freude in die Luft.

Mann zeigt mit gerecktem Daumen seine Wertschätzung gegenüber einer Frau in einem Kleid. Sie springt vor Freude in die Luft.

Heute Morgen fürchtete ich mal kurz, dass ich bald tot sein könnte. Oder gekündigt. Oder dass ein Meteorit auf die Erde zurast. Nein, es lag nicht an meinem Tageshoroskop. Mir war nur unser Geschäftsführer im Flur begegnet. Eigentlich ist Dr. Müller ja immer total im Stress. Mehr als ein kurzes Kopfnicken, ein ‚Guten Morgen!’ oder ein knappes ‚Nach Ihnen’, wenn er mir am Eingang höflich den Vortritt lässt, ist da meist nicht drin.

Heute aber hatte er richtig viel Text. Fragte mich ‚Hatten Sie einen guten Wochenstart?’ und erklärte mir tatsächlich, wie toll er meine Arbeit fände. Kurz fühlte ich mich wie in einer dieser Fernsehkrimiserien, in denen die Kommissare immer dann besonders zugewandt und milde sind, wenn sie den Angehörigen eine schlimme Nachricht überbringen müssen. Aber dann beruhigte mich Lisa vom Empfang. „Der Chef kommt gerade von einem Coaching: ‚Führungsaufgabe Nummer eins: Wertschätzung zeigen!’ Sie hielt mir einen Prospekt vor die Nase. Und da stand, dass aktive Anerkennung und staunende Beachtung die Superkräfte der Wirtschaft seien, der Treibstoff von Motivation und einer produktiven Arbeitsatmosphäre. „Oh, da bin ich wirklich froh“, sage ich zu Lisa. Und nicht nur, weil ich sehr erleichtert war, nun doch nicht so bald sterben oder mir einen neuen Job suchen zu müssen.

Ich fühlte mich tatsächlich enorm beflügelt und Herrn Dr. Müller sehr nahe. Wie er kennen wir alle das Gefühl, vor lauter Alltagsgerödel im Job oft zu nix mehr zu kommen und anderen deshalb schon mal vorenthalten, was man selbst bei der Arbeit noch mehr vermisst, als ein paar zusätzliche Feiertage: die Grundnahrungsmittel einer jeden Beziehung – nämlich Respekt, Beachtung, Bedeutsamkeit. Und unter uns: Es lohnt sich! Lisa hat mir jedenfalls gleich einen Kaffee gekocht, nachdem ich ihr endlich mal gesagt habe, wie beeindruckend sie diese total komplizierte Telefonanlage managt. Und weil sie mich nach Kräften für meinen letzten Artikel voll zurück wertgeschätzt hat, bin ich endlich einmal sehr beflügelt nach Hause gegangen.

Dort habe ich endlich auch mal meinen Mann einmal für das leckere Essen gelobt, das er fast jeden Abend für uns kocht. ‚Willst du dich scheiden lassen? Hast du einen Neuen? Bin ich schwer krank?’, wollte er wissen. Aber da konnte ich ihn schnell mit meinen neuesten Erkenntnissen aus der Motivationsforschung beruhigen: Am Ende wissen wir ja eigentlich sehr gut, dass es ohne uns nicht geht. Nur ist es eben doch sehr schön, es auch einmal von anderen zu hören.

Constanze Kleis

Ausgabe 3.2018

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