etem - Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Unfälle in der Wellpappenindustrie

Riskante Rolle

Diese Illustration zeigt einen Maschinenführer in einem blauen Arbeitsoverall. Die linke Hand greift nach einer kleinen Walze. Bei diesem Vorgang ist sein linker Arm zwischen die beiden Rollen und er hat sich den Arm gequetscht.

In dem Bemühen, die Restrolle mit der Hand abzufangen, erlitt der Maschinenführer eine schwere Quetschung

Unfälle in Wellpappenbetrieben sind keine Seltenheit: Sie passieren an der Wellpappenerzeugungsanlage (WPA), an Maschinen der Weiterverarbeitung und im Bereich des innerbetrieblichen Transports. Die BG ETEM hat sich zum Ziel gesetzt, rechtzeitig Unfallschwerpunkte zu erkennen. Mit diesem Wissen will die Berufsgenossenschaft gemeinsam mit Betreibern und/oder Herstellern Strategien und technische Maßnahmen entwickeln, damit sich zukünftig Unfälle vermeiden lassen.

Ein solcher Unfallschwerpunkt scheint im Arbeitsbereich der Abrollung an der WPA zu liegen. Anhand zweier Beispiele von typischen Unfällen zeigt dieser Beitrag, worin die oft unscheinbaren Gefährdungen bestehen, welch schwere Folgen diese potenziell verursachen und wie Betriebe vorbeugen können.

Unfallursachen

Beide Unfälle, die in den Infokästen unten geschildert werden, wurden durch eine Einzugsstelle verursacht, die zwischen einer Restrolle und der rotierenden Papierrolle in der Abrollung entstanden war. Beim ersten Unfall spielte zudem die mangelnde Ordnung am Arbeitsplatz eine wesentliche Rolle.

Folglich gilt es, solche Einzugsstellen in der Abrollung zwischen rotierender Papierrolle und etwa dem Fußboden zu vermeiden. Um das zu erreichen, müssten die Papierrollen immer so in den Abrollständer eingespannt werden können, dass zwischen abrollender Papierrolle und Fußboden eine Auslaufstelle entsteht (siehe rechte Abrollung im Bild auf der rechten Seite). Dies ist aber aus produktionstechnischen Gründen nicht immer möglich. Beim Papier auf der Rolle unterscheiden sich nämlich Innen- und Außenseiten qualitativ durch verschiedenen Lagenaufbau. Die gute Seite, die sogenannte „Topside“, muss auf der entstehenden Wellpappe außen liegen. In welche Richtung die Rolle abgewickelt werden muss, erkennt der Rolleur an einem Pfeil auf der Stirnseite der Rohpapierrolle. Die Drehrichtung der Papierrollen ist also vorgegeben.

Wie lässt sich vorbeugen?

Die beiden Unfälle verdeutlichen, dass eine falsche Vorgehensweise und/oder mangelnde Ordnung am Arbeitsplatz erhebliche Unfallgefahren bergen können.

Unfallbeispiel 1

(Abbildung siehe oben)

Der Maschinenführer am Kaschierwerk einer Wellpappenerzeugungsanlage war damit beschäftigt, eine neue Papierrolle für die Klebung vorzubereiten. Währenddessen lag ihm eine Restrolle im Weg, die vom vorhergehenden Auftrag stammte. Die Rolle sollte später weiterverwendet werden und war aus diesem Grund im Arbeitsbereich geblieben. Mit dem Fuß stieß er diese Restrolle nach hinten, um sich Platz zu verschaffen. Als er bemerkte, dass sie sich der benachbarten Abrollung gefährlich annäherte, versuchte er die Rolle mit der linken Hand abzufangen, bevor die Maschine sie einziehen könnte. Dabei geriet sein linker Arm zwischen die Restrolle und die Papierrolle, die in der Abrollung rotierte. Der Arm wurde eingezogen. Als Folge erlitt der Mann eine schwere Quetschung.

Die Betriebe müssen die Gefährdungsbeurteilung und daraus abgeleitete Schutzmaßnahmen für den Rollenwechsel aktualisieren und eine Betriebsanweisung für die betroffenen Arbeitsplätze erstellen. Als Sofortmaßnahme haben die Unternehmen die jeweiligen Unfälle zum Anlass genommen, nochmals alle Beschäftigten an der WPA über die Gefährdungen im Bereich der Abrollungen zu informieren, die durch Restrollen, Produktionsabfälle, Unordnung am Arbeitsplatz oder Verunreinigungen am Fußboden entstehen können.

Wichtig ist darüber hinaus, dass Betriebe die Mitarbeitenden im Bereich der Abrollung regelmäßig, mindestens einmal jährlich unterweisen. Tätigkeiten im Umfeld der Abrollung sind zu vermeiden, Restrollen sofort aus dem Gefahrenbereich zu transportieren. Beschäftigte müssen Leerhülsen umgehend in bereitgestellte geeignete Einrichtungen, wie Container, entsorgen. Der Boden unterhalb, vor und seitlich der Abrollständer sollte in einer auffallenden Warnfarbe markiert werden.

Schutzmaßnahmen optimieren

Auch mit technischen Schutzmaßnahmen lassen sich schwere Unfälle durch Einzugsstellen im Bereich der Abrollung verhindern. Betriebe können geeignete Schutzeinrichtungen bzw. Gefahrbereichssicherungen installieren. Dazu muss in die Maschinensteuerung eingegriffen werden, weshalb Unternehmen auf jeden Fall die Unterstützung des/der Maschinenhersteller(s) benötigen. Eine weitere Maßnahme sieht vor, Papierrollen künftig so zu produzieren, dass sie sich in zwei Richtungen abwickeln lassen. Auf diese Weise kann sich immer eine Auslaufstelle bei der Abrollung bilden.

Unfallbeispiel 2

Diese Abbildung zeigt eine Maschine mit zwei Walzen. Auf der linken Seite entsteht an der Abrollung eine Einzugsstelle, es droht Unfallgefahr (mit rotem Pfeil gekennzeichnet). Auf der rechten Seite sind Anlaufstellen sicherer (mit grünem Pfeil gekennzeichnet).

Entsteht an der Abrollung eine Einzugsstelle (links im Bild), droht Unfallgefahr. Daher sind Auslaufstellen (rechts im Bild) sicherer.

Ein Mitarbeiter hatte eine Rolle an der Wellpappenanlage gewechselt. Während die neue Rolle ablief, lag die Restrolle in der Nähe parallel auf dem Boden. Zum Rollenwechsel werden die Papierrollen auf einem schienengeführten Schlitten seitlich in die entsprechende Position innerhalb der Abrollung geschoben. Nachdem der Beschäftigte die Rollen ausgetauscht hatte, wollte er die Restrolle auf den Transportschlitten rollen, um sie dann seitlich aus dem Maschinenbereich herauszuschieben. Dabei wurde die Restrolle um einige Zentimeter angehoben, sodass sich eine Einzugsstelle zwischen Restrolle und neuer, sich abrollender Rolle bildete. Dort wurde die linke Hand samt Unterarm schließlich eingezogen und schwer verletzt.

Die BG ETEM führt derzeit Gespräche mit Herstellern und Betreibern, um gemeinsam auszuloten, inwiefern die beiden genannten technischen Maßnahmen umsetzbar sind. Dabei wird auch untersucht, ob weitere Möglichkeiten infrage kommen, um den Gefahrenbereich der Abrollung zukünftig besser absichern zu können.                       

Lan Zhao

Ausgabe 2.2019

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