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Nach 21 Jahren wieder stehen

Mit Exoskelett ist er der Größte

Dieses Foto zeigt nur die Beine, wo das Exoskelett angelegt wurde. Die Schuhe daran sind verschnürt.

Wenn die Schuhe geschnürt sind, geht der Rest dank der Klickverschlüsse verhältnismäßig schnell.

Wenn Thorsten Röhrmann sich ohne Rollstuhl fortbewegen will, muss er zunächst sein Exoskelett anziehen. Dazu schwingt er sich aus dem Rollstuhl auf eine Bank und fixiert das komplexe System aus Schienen, Elektromotoren und Steuerungselementen mit Gurten an seinem Körper. „Am längsten dauert das Anziehen der Schuhe, wegen dem Schnüren. Da die Gurte Klickverschlüsse haben, geht der Rest zügig“, erläutert Röhrmann.

Etwa fünf Minuten dauert es, bis Mensch und Maschine verbunden sind. Gesteuert wird das System über ein Bedienelement, das wie eine Uhr am Handgelenk getragen wird. „Um aufzustehen muss ich einen Knopf an der Uhr drücken, das System beginnt dann zu piepen, um mich zu informieren, dass die Motoren gleich anfangen zu arbeiten. Jetzt ist es wichtig, dass ich meine Unterarmstützen seitwärts stelle, um mich zu stützen und das Gleichgewicht zu halten.“

Und schon steht Thorsten Röhrmann mit seiner stolzen Körpergröße von 1,94 m aufrecht vor uns. Er, der als Rollstuhlfahrer sonst immer zu allen Stehenden aufschauen muss, ist jetzt der Größte und wird von seiner Umwelt ganz anders wahrgenommen.

Nach dem Aufrichten bleibt er zunächst einmal stehen, um den Sehnen den Dehnungsschmerz zu nehmen und den Körper zu beruhigen. Dann tippt er auf der Uhr „Laufen“ an und beugt sich ein wenig nach links, um auf dem rechten Bein Bodenfreiheit zu bekommen. Das schwingt zunächst zurück und macht dann erst den Schritt nach vorn. So geht es im Wechsel immer weiter. Thorsten Röhrmann geht.

Das Bild zeigt Thorsten Röhrmann mit dem Exoskelette und jeweils einer Gehhilfe. Hinter ihm ein Hocker und dahinter der Physiotherapeut Morten Krause.

Ein überwältigendes Gefühl: Thorsten Röhrmann steht mithilfe von Physiotherapeut Morten Krause nach 21 Jahren zum ersten Mal.

Nach 21 Jahren wieder stehen

Auf das Exoskelett aufmerksam wurde er während eines Reha-Aufenthalts am Meer. Ein anderer Rollifahrer zeigte ihm auf dem Handy ein Video dazu. Röhrmann setzt sich mit dem Hersteller in Verbindung und kurz darauf wird in einer Physiotherapiepraxis ein Probetraining vereinbart. „Nach 21 Jahren zum ersten Mal wieder zu stehen und den Körper zu spüren, das war ein einmaliges Erlebnis. Das kann man gar nicht in Worte fassen, weil man so überwältigt ist in dem Moment. Ich war einfach happy und wollte gar nicht mehr raus aus dem Gerät.“

Nicht für jeden geeignet

Röhrmann spricht die BG ETEM an, ob die ihm ein Exoskelett finanziert. Reha-Manager Mathias Wolf von der für ihn zuständigen Bezirksverwaltung Hamburg prüft die Voraussetzungen. „Die Entscheidung, für wen sich ein Exoskelett eignet, ist immer eine Einzelfallentscheidung“ erläutert Wolf. „Sie hängt zum Beispiel von den körperlichen Voraussetzungen wie der Ausprägung der Rumpfmuskulatur ab.“

Dazu wird eine ärztliche Stellungnahme eingeholt. Bei Thorsten Röhrmann fiel sie positiv aus. Die Fachleute müssen auch entscheiden, welches der Systeme auf dem Markt für genau diesen Versicherten infrage kommt. „Schließlich sprechen wir ja von Kosten von rund 100.000 Euro plus hohen Folgekosten, da wollen wir schon auf Nummer sicher gehen.“

Diese Abbildung zeigt das Exoskelet, dass bereit ist für den Einstieg für Thorsten Röhrmann.

Fertig zum Einstieg. Das Exoskelett „sitzt“ bereit für Thorsten Röhrmann.

Als nächste Stufe absolviert Röhrmann eine dreimonatige Trainingseinheit in der BG-Ambulanz in Bremen. In dieser Phase zeigt sich auch, ob ein Versicherter die psychische Stabilität aufbringt, das harte Training für die Nutzung des Systems durchzuziehen. „Neben der Rumpfstabilität und der Trainingsbereitschaft muss aber noch eine dritte Komponente erfüllt sein, um ein Exoskelett nutzen zu können“ ergänzt Physiotherapeut Morten Krause. „Die Funktionalität der Arme darf nicht beeinträchtigt sein, ich benötige ausreichend Armkraft, um mit einem Exoskelett laufen zu können.“

Die gesundheitlichen Fortschritte, die Thorsten Röhrmann in den drei Monaten macht, sind so erheblich, dass die BG ETEM die Anschaffung eines Exoskeletts befürwortet.

Hartes Training ist unerlässlich

Nach etwa einem halben Jahr Training kann er sich mehr oder weniger selbstständig mit seinem Exoskelett fortbewegen. Aber auch heute noch ist viermal die Woche Training angesagt, dreimal zwei Stunden und einmal eine Stunde. Die Physiotherapeutinnen und -therapeuten, die ihn betreuen, müssen für diese Aufgabe extra zertifiziert sein.

Wenn auch Treppen mit dem Exoskelett begangen werden sollen, erfordert dies eine zusätzliche Qualifizierung. Und selbst wenn sich Thorsten Röhrmann sicher mit seinem Exoskelett bewegt, so gilt auch für ihn: Es muss immer ein geschulter Betreuer mit dabei sein. Keiner läuft allein.

 

Das Foto zeigt Thorsten Röhrmann, der ein Exoskelett trägt eine Art von "Gehhilfe". Er wird von seiner Frau und dem Physiotherapeuten Morten Krause begleitet. Sie laufen hinter ihm, die Frau hat einen Hund an der Leine. Im Hintergrund sind Einfamilienhäuser zu erkennen.

Intensives Training ist nötig, um sich mit dem Exoskelett bewegen zu können. Außer der Familie ist immer ein geschulter Betreuer dabei.

Gesundheitliche Auswirkungen

Aber das Training lohnt sich. Nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau Petra. „Wir hatten früher im Schlafzimmer immer ein „Zappelbett“, weil bei Thorsten die Spastik nachts besonders heftig war“, erzählt sie. „Seit er mit dem Exoskelett trainiert, hat er einen besseren Schlaf und die Krämpfe in den Beinen sind wesentlich weniger geworden.“ Auch die Rumpfstabilität und das Körpergefühl insgesamt haben sich entscheidend verbessert.

Wichtig sind aber auch andere Aspekte, wie zum Beispiel eine geänderte Wahrnehmung durch die Außenwelt oder die Möglichkeit, Freunde zu besuchen, die im zweiten oder dritten Stock in einem Haus ohne Aufzug wohnen. Aber auch ganz alltägliche Sachen, wie zum Beispiel in der Küche im Stehen einen Kaffee zu kochen oder aus einem Hängeschrank Sachen herauszuholen. „Und meine Frau muss dann auch mal zu mir aufblicken“, bemerkt Thorsten Röhrmann mit einem Lachen.

 

Christoph Nocker

info

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Ausgabe 1.2019

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