etem - Magazin für Prävention, Rehabilitation und Entschädigung
Neue Sifa-Ausbildung

Lernwelt mit System

Auf diesem Foto sind mehrere Personen zu sehen, die an einem Seminar für Arbeitssicherheit teilnehmen. Sie sitzen alle an einem runden Tisch auf dem mehrere Laptops stehen.

Die angehenden Fachkräfte für Arbeitssicherheit entwickeln an drei Lernorten praxisnahe Handlungskompetenzen. Auch im Seminar geht es darum, Aufgaben interaktiv zu lösen.

Die weiterentwickelte Ausbildung der Fachkräfte für Arbeitssicherheit (Sifa) wird gespannt erwartet: Seit sechs Jahren arbeiten Vertreter der Berufsgenossenschaften, der öffentlichen Unfallkassen, der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), des Verbandes für Sicherheit, Gesundheit und Umweltschutz bei der Arbeit (VDSI) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) mit verschiedenen Dienstleistern an der Umsetzung.

Dabei ist ein modernes Blended-Learning-System entstanden, also eine Kombination aus Präsenz-Unterricht und E-Learning, das derzeit in zwei Pilotkursen am Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Dresden erprobt wird. In diesem Prozess ging es nicht nur um die „Fusion“ der beiden Ausbildungsmodelle der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Im Vordergrund stand, die Ausbildung komplett didaktisch zu überarbeiten. Während Inhalte vielfach übernommen werden konnten, war das didaktische Konzept eine Herausforderung. Es galt, die aktuellen Erkenntnisse der Bildungswissenschaften in die Ausbildung einfließen zu lassen.

Lernfelder und Handlungssituationen

LF 1

Einführung in die Ausbildung und Aufgaben der Sifa

A Neu als Sifa

B Gespräch mit der obersten Leitung
LF 2

Arbeitssystem und betriebliche Organisation

C Stand des Arbeitsschutzes im Betrieb

D Schwerpunkte als Sifa setzen

LF 3

Beurteilung von Arbeitsbedingungen

E Informieren und Sensibilisieren zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen

F Arbeitsbedingungen beurteilen: Vorgehen und Durchführen

G Gesamtkonzept zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen

LF 4

Arbeitssystemgestaltung

H Bestehende Arbeitssysteme gestalten

I Neue Arbeitssysteme planen

LF 5

Integration des Arbeitsschutzes in die betriebliche Organisation

J Vorgehensweise zur Schaffung einer geeigneten Organisation entwickeln

K Geeignete Organisation ausgestalten

L Geeignete Organisation implementieren

Umfassend vorbereitet

Fachkräfte für Arbeitssicherheit sollen Unternehmerinnen und Unternehmer in allen Fragen von Sicherheit und Gesundheit beraten. Neben einer hohen Fachkompetenz braucht es dabei spezielle Fähigkeiten im Umgang mit anderen und mit sich selbst, um eine gute Beratung zu gewährleisten und letztlich die vielfältigen Aufgaben der DGUV Vorschrift 2 zu erfüllen. So war bei der Entwicklung insbesondere die Kompetenzorientierung von zentraler Bedeutung. Die Leitfrage lautete: „Was muss eine Sifa können, um Unternehmerinnen und Unternehmer wirksam zu beraten?“ Der reine Wissenserwerb wäre zu kurz gedacht.

Kompetenzorientiertes Lernen heißt, Erfahrungen zu sammeln, Themen und Zusammenhänge zu verstehen, zu durchdringen und zu begreifen. Lernen bedeutet, sich mit anderen auszutauschen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Und das idealerweise wann und wo die Lernenden dies können und möchten. Nur so können sich echte Handlungskompetenzen entwickeln. Eine professionelle Lernbegleitung bietet dafür den Rahmen, leitet die Teilnehmenden an und betreut sie nicht nur in den Präsenzveranstaltungen.

Lernen auf drei Ebenen

An drei sogenannten Lernorten wird die Sifa-Ausbildung künftig umgesetzt: im Seminar, im selbstorganisierten Lernen (SOL) und im eigenen Betrieb. Eine auf Basis der Open-Source-Software ILIAS betriebene Lernplattform ist das zentrale Instrument, das an allen drei Lernorten zum Einsatz kommt. In der „Sifa-Lernwelt“ können sich die Lernenden zum Beispiel Fachinhalte aneignen, lösen Aufgaben im Beispielunternehmen und finden das gesamte Material rund um die Qualifizierung und wichtige Werkzeuge für ihre spätere Tätigkeit im Betrieb.

Vier von fünf Lernerfolgskontrollen finden auf der Lernplattform statt. In all diesen Prüfungen stehen konkrete Problemstellungen im Mittelpunkt. Indem die angehenden Sifas diese bearbeiten, lösen und aufbereiten, sollen sie ihre erworbenen Handlungskompetenzen unter Beweis stellen.

Möglichst praxisnahe Szenarien – sogenannte Handlungssituationen – sollen die Teilnehmenden kontinuierlich an ihre spätere Aufgabe im Betrieb heranführen. Die Handlungssituationen in der Sifa-Ausbildung bilden den „roten Faden“ durch die Ausbildung und orientieren sich am betrieblichen Beratungshandeln der angehenden Fachkräfte, basierend auf dem Sifa-Kompetenzprofil.

„So hätte ich mir das nie vorgestellt. Ich bin positiv überrascht. Es gab keine Minute, in der man sich zwingen musste, aufmerksam zu bleiben“ Pilotkurs-Teilnehmer

Dass das Konzept in der Praxis funktioniert, zeigen die Ergebnisse der ersten beiden Pilotkurse am IAG. Die Teilnehmenden haben die methodisch und inhaltlich neu gestalteten Seminare durchweg als sehr gut bewertet. In Anlehnung an die Ermöglichungsdidaktik sind die Teilnehmenden in den Seminaren von Beginn an aktiv, unterstützen sich gegenseitig und lösen Probleme kooperativ und an der betrieblichen Realität orientiert. Eine echte Herausforderung für alle Beteiligten sind die Phasen des selbst organisierten Lernens auf der Lernplattform. Ein Beispiel aus Lernfeld 3: Dort sollen Teilnehmende in zum großen Teil audiovisuell aufbereiteten Arbeitssituationen des Musterunternehmens Arbeitsbedingungen beurteilen. Das erfordert nicht nur umfangreiches Fachwissen, sondern vor allem methodische Kenntnisse zu Einwirkungen, Belastungen, Ressourcen und deren Beurteilungsverfahren.

Erfolgsfaktor Lernbegleitung

Selbst organisiertes Lernen braucht Engagement und ausreichend Zeit, entscheidend für den Erfolg ist letztendlich die Qualität der Lernbegleitung in diesen Phasen. Die Lernplattform ist kein „Selbstläufer“. Die Teilnehmenden werden intensiv betreut und erhalten qualifizierte Feedbacks zu ihren bearbeiteten Aufgaben und Prüfungsleistungen. Somit wandelt sich auch die Rolle der Lehrenden von Dozenten zu Lernbegleitern, die nicht nur im Seminar die didaktische Professionalität einbringen, sondern sich auch als Tutoren in der Sifa-Lernwelt vor ganz neue Aufgaben gestellt sehen. Aus diesem Grund entsteht neben der Sifa-Ausbildung ein Qualifizierungskonzept für die künftigen Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter, die auf die Einsätze am jeweiligen „Lernort“ gezielt vorbereitet werden müssen.

„Es herrschte eine lockere Gesprächsatmosphäre, in der wir die Dinge erörtert haben. Dadurch haben wir viel mehr gelernt.“ Pilotkurs-Teilnehmerin

An der Bildungsstätte Bad Münstereifel der BG ETEM werden die Dozentinnen und Dozenten bereits seit mehr als drei Jahren auf ihre neue Aufgabe als Lernbegleitende vorbereitet. Dort entstehen zudem seit Anfang 2018 moderne und flexible Lernräume für eine zeitgemäße Erwachsenenbildung, wo sich Aspekte von Sicherheit und Gesundheit hautnah erleben, erfahren und einüben lassen. Seit September 2018 stehen die Sifa-Lernwelt und ein neu eingerichtetes Lernportal der BG ETEM zur Verfügung, um Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter zu qualifizieren. Das Lernportal lässt sich in Zukunft um weitere Online-Angebote für Lernende erweitern. Im dritten Quartal 2019 beginnt die BG ETEM in Bad Münstereifel mit einem Pilotkurs die weiterentwickelte Sifa-Ausbildung. Ein Jahr später soll der Regelbetrieb starten.

Martin Schröder

Ausgabe 1.2019

Erhalten Sie aktuelle Informationen direkt in Ihre Mailbox

Melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an, um über die aktuellsten Themen informiert zu werden und immer auf dem neuesten Stand zu sein.