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Unfall mit Essigsäure

Vorsicht, ätzend!

Die Illustration zeigt ein Unfallbeispiel, wie ein Beschäftigter einen Container mit Essigsäure zum Umfüllen anhebt. Dies stellt ein erhebliches Risiko dar.

Einen Container mit Essigsäure zum Umfüllen anzuheben, stellt ein erhebliches Risiko dar, wie das Unfallbeispiel zeigt.

 

Es war ein Routineauftrag für den Mitarbeiter im Gefahrstofflager: Er sollte einen Essigsäurebehälter auffüllen, einen Intermediate Bulk Container (IBC) aus Kunststoff mit 1.000 Liter Fassungsvermögen. Im Lager fehlt jedoch der Platz zum Rangieren mit einem Flurförderzeug. Statt den leeren IBC durch einen vollen auszutauschen, war es daher im Betrieb üblich, den Container vor Ort neu zu füllen. Dazu wurde ein voller IBC mit einem Hubwagen („Ameise“) über dem Niveau des leeren Containers positioniert und dieser über einen Schlauch befüllt.

So ging der Beschäftigte auch am Unfalltag vor. Doch diesmal blieb der Hubarm des Flurförderzeugs nicht auf dem angefahrenen Niveau, sondern senkte sich langsam ab, bis der volle Essigsäure-Container auf dem leeren Behälter auflag. Der Mitarbeiter wollte den vollen IBC hochfahren, verwechselte aber in der Aufregung die Bedienelemente und betätigte aus Versehen den Abwärtsschalter. Der 1.000-Liter-Behälter kippte von der Gabel und etwa 800 Liter Essigsäure flossen aus. Der Mitarbeiter hatte Glück im Unglück. Da nur geringe Mengen der 60-prozentigen Säure in seine Schuhe eindrangen, blieb es bei Hautrötungen und kleinen Bläschen an den Füßen.

Der Betrieb hat umgehend reagiert und als Sofortmaßnahme am Essigsäurebehälter eine fest installierte Pumpe angebracht. Der volle Container steht beim Umfüllen nunmehr auf dem Hallenboden, das riskante Anhebemanöver entfällt. Auch bei dieser Vorgehensweise ist zu beachten, dass IBC eine begrenzte Verwendungsdauer haben und die Behälter rechtzeitig ausgetauscht werden müssen.

Gefährliche Säure

Jeder kennt aus dem Haushalt Speiseessig, der Essigsäure in niedriger Konzentration von etwa 4 bis 10 % enthält. Die Säure aus dem gewerblichen Bereich ist jedoch wesentlich stärker konzentriert (60 % und mehr), ihr Geruch wesentlich intensiver (beißend-stechend) und die Gefahren bei Einatmen, Hautkontakt und Verschlucken viel gravierender.

Die konzentrierte Säure schädigt Atemwege, Haut und Augen bis zur Zerstörung. Die niedrige Geruchsschwelle und die Reizwirkung auf die Schleimhäute warnen in der Regel ausreichend davor, gefährliche Konzentrationen einzuatmen. Der Kontakt zu Speiseessig wirkt sich nicht auf die Haut aus, 60-prozentige Essigsäure zeigt jedoch eine deutliche Ätzwirkung. Da die Säure leicht in die Haut eindringen kann, ist die Wirkung ausgeprägter, als die Säurestärke erwarten lässt.

Erste Hilfe

Die Augen sind bei Kontakt mit Essigsäure am stärksten gefährdet. Gelangt diese in die Augen, muss die Säure so schnell wie möglich entfernt werden. Ansonsten besteht die Gefahr zu erblinden. Selbst wenn man sofort mit Wasser spült, sind bleibende Schäden möglich, wie eine permanente Hornhauttrübung. Gespült werden sollte bei geöffneten Augenlidern mindestens zehn Minuten lang. Direkt im Anschluss sollen Betroffene unbedingt zu einem Augenarzt gebracht werden.

Bei Hautkontakt sind Kleidung und Schuhe, die mit Essigsäure benetzt wurden, sofort auszuziehen und die Haut mit viel Wasser zu spülen.

Maßnahmen im Schadensfall

Sind größere Mengen Essigsäure ausgelaufen, muss der betroffene Bereich zunächst ausreichend gelüftet werden. Beim Beseitigen der ausgelaufenen Säure müssen Beschäftigte immer eine Persönliche Schutzausrüstung tragen. Dazu gehören rutschfeste Stiefel, Schutzbrille und Handschuhe, bei unzureichender Lüftung auch Atemschutz. Das Handschuhmaterial muss undurchlässig und beständig sein und hängt von der Konzentration der Essigsäure ab. Geeignetes Handschuhmaterial für Essigsäure jeglicher Konzentration ist Butylkautschuk mit einer Materialstärke von 0,5 mm. Stoffund Lederhandschuhe eignen sich überhaupt nicht.

Die ausgetretene Flüssigkeit sollte mit einem saugfähigen, unbrennbaren Bindemittel aufgenommen werden, z. B. Kieselgur oder Sand. Dass sie in Boden, Gewässer und Kanalisation eindringt, gilt es zu verhindern. Essigsäure ist zwar als schwach wassergefährdend eingestuft, die konzentrierte Säure schädigt Gewässer jedoch, indem sie deren pH-Wert verschiebt.

Lagerung

Die gesetzlichen Anforderungen an das Lagern von Gefahrstoffen fasst die TRGS 510 „Lagerung von Gefahrstoffen in ortsbeweglichen Behältern“ zusammen. Essigsäure gehört zur Lagerklasse 8A (Brennbare ätzende Gefahrstoffe), bei Konzentrationen über 80 % gilt Lagerklasse 3 (Entzündbare flüssige Stoffe).

Grundsätzlich müssen Unternehmen Gefahrstoffe in geeigneten Lagerräumen aufbewahren. Sind die räumlichen Verhältnisse im Einzelfall nicht optimal, sollten Verantwortliche im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung ein geeignetes Verfahren wählen, um gelagerte Container möglichst gefahrlos auffüllen zu können.

Kunststoffe altern im Laufe der Betriebszeit, Materialermüdung lässt den Baustoff spröde werden. Betriebe müssen IBC für Gefahrstoffe daher regelmäßig prüfen, spätestens nach zweieinhalb Jahren (gemäß Europäischem Beförderungsabkommen ADR 6.5.4.4). Starre Kunststoff-IBC dürfen maximal fünf Jahre verwendet werden, vom Datum der Herstellung an gerechnet. Das Herstellerjahr geht aus der Verpackungscodierung hervor (siehe Abbildung oben). Wenn die Sicherheit des IBC durch einen Sturz oder Beschädigungen beeinträchtigt wurde, sollte er nicht mehr verwendet werden.

 

Dr. Siegfried Hoffmann

Infografik Vorschlag für eine Vorgehensweise bei der Gefährdungsbeurteilung für Tätigkeiten mit Gefahrstoffen mit Beschreibung der einzelnen Kürzel.

 

Beispiel-Kennzeichnung von Kunststoff-IBC für Gefahrgut (nach UN-Richtlinien)

 

Ausgabe 1.2019

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