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Unfall an Flachstrickmaschine

Manipulation mit Folgen

Ein Beschäftigter steht an einer Flachstrickmaschine. Nur bei manipuliertem Positionsschalter konnte die Maschine bei geöffneter Schutzvorrichtung laufen und der Unfall passieren.

Nur durch den manipulierten Positionsschalter konnte die Maschine bei geöffneter Schutzvorrichtung laufen und der Unfall passieren. 

An einer Flachstrickmaschine hatte sich im Nadelbett ein Strickteil verheddert und den Schlitten blockiert, der folglich stehen blieb. Der Maschinenführer wollte diese Störung beseitigen. Bei eingeschalteter Maschine zerrte er mit der linken Hand an dem Strickteil, mit der rechten Hand stützte er sich auf dem Nadelbett ab. Als sich das Teil löste, setzte sich der Schlitten in Bewegung und trennte einen Teil des Daumens ab.

In Panik verließ der Mann seinen Arbeitsplatz, ohne um Hilfe zu rufen. Seine Kollegen haben den Unfall deshalb nicht bemerkt. So konnte erst einige Zeit später Erste Hilfe geleistet und der Verletzte zum Krankenhaus gebracht werden.

Verhängnisvoller Eingriff

Die Unfall-Untersuchung ergab, dass manipuliert worden war. Denn die Maschine hätte nicht im gewöhnlichen Produktionsmodus in Gang gesetzt werden können, solange die transparente Verkleidung offen blieb. Ein Schaltstück befand sich im Schaltgehäuse des zweiteiligen Positionsschalters und setzte die Flachbett-Abdeckung als trennende Schutzeinrichtung außer Kraft. Wäre der Positionsschalter mit Personenschutzfunktion also nicht überbrückt worden, hätte sich der Unfall gar nicht ereignet.

Nach § 6 (2) der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) ist der Arbeitgeber dafür verantwortlich, dass Arbeitsmittel bestimmungsgemäß betrieben werden und Schutzeinrichtungen immer funktionsfähig sind.

Grundlage dafür bildet die Gefährdungsbeurteilung, bei der Unternehmen die Betriebsanleitung des Herstellers, Erfahrungen mit dem Betrieb der Maschine und vorhersehbares Fehlverhalten berücksichtigen müssen. Als Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung haben Arbeitgeber und Führungskräfte die Aufgabe, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine sichere Arbeitsweise zu vermitteln und somit Manipulationen zu verhindern. Dazu müssen sie Beschäftigte gut anlernen, unterweisen und Betriebsanweisungen erstellen.

Nur wenn spezielle Instandhaltungsarbeiten anders nicht möglich sind, darf eine Schutzeinrichtung ausnahmsweise ausgeschaltet werden. Allerdings sind dann Ersatzmaßnahmen notwendig. Betriebe müssen diese bereits in der Gefährdungsbeurteilung festlegen und dabei die sicherheitstechnischen Hinweise in der Betriebsanleitung des Herstellers berücksichtigen. Im regulären Betrieb dürfen Hilfsmittel zum Überbrücken jedoch nicht im Umlauf sein und dazu genutzt werden, Schutzeinrichtungen im normalen Produktionsmodus zu umgehen.

 

 

Erste Hilfe bei Amputationsverletzungen

  • Nach dem Beseitigen der akuten Gefahr (Maschine stillsetzen) zuerst die verletzte Person und danach das abgetrennte Körperteil (Amputat) versorgen.
  • Beim Versorgen des Verletzten und des Amputats Einmalhandschuhe aus dem Verbandkasten tragen.
  • Blutung stillen, dazu Verbandmaterial auf die Wunde pressen, bis der Rettungsdienst eintrifft. Gegebenenfalls kann auch ein Druckverband angelegt werden. Körperteil möglichst nicht abbinden, da das die spätere medizinische Versorgung der verletzten Person erschwert.
  • Abgetrenntes Körperteil nicht säubern, es darf auch nicht mit Wasser in Berührung kommen!
  • Abgetrenntes Körperteil in sterilem Tuch aus Verbandkasten einwickeln und Amputat dem Rettungsdienst übergeben. Dieser wird es sachgerecht kühlen und in die Klinik mitnehmen.
  • Auch abgetragene Haut- und Gewebestücke können gegebenenfalls replantiert werden. Deshalb auch diese Amputate entsprechend sichern und dem Rettungsdienst übergeben.

Kein Risiko eingehen

Keinesfalls dürfen Arbeitgeber und Vorgesetzte dulden, dass jemand Schutzeinrichtungen manipuliert. Ziel muss nicht nur sein, den Beschäftigten eine sichere Arbeitsweise nahezubringen, sondern sie davon zu überzeugen, dass sie sich durch Manipulationen einem unnötigen Risiko aussetzen – und dass sich dieses Risiko nicht durch vermeintlich leichteres oder schnelleres Arbeiten rechtfertigen lässt.

Bei Manipulationen müssen Unternehmer oder Vorgesetzte (etwa Vorarbeiter oder Meister) entschieden einschreiten und beispielsweise ein Schaltstück im Umlauf sofort aus dem Verkehr ziehen. In solch einem Fall sollten sie die Mitarbeitenden erneut unterweisen.

 

Richard Gopp

Sicherheitsanforderungen an Flachstrickmaschinen

Die Norm „Textilmaschinen – Sicherheitsanforderungen – Maschinen zur Herstellung textiler Flächengebilde“ (DIN EN ISO 11111-6) legt für Flachstrickmaschinen folgende Schutzmaßnahmen fest:

  • Das Maschinengehäuse muss als feste trennende Schutzeinrichtung (verschraubte Verkleidung) oder als bewegliche trennende Schutzeinrichtung (mit dem Antrieb verriegelte Klappen oder Türen) gestaltet sein.
  • Quetsch- und Scherstellen, die durch den hin- und herbewegten Schlossschlitten entstehen, müssen durch bewegliche verriegelte Verkleidungen gesichert sein. Ist die Verkleidung geöffnet, darf der Schlitten nur mittels einer Steuereinrichtung mit automatischer Rückstellung (Totmannschaltung) laufen.

info

  • Unterweisungshilfe – Ausgabe Textil und Mode (PU 021)
  • Gefährdungsbeurteilung für Strickerei und Wirkerei (S 068)

Beide erhältlich im Medienportal unter www.bgetem.de, Webcode 11205644

Ausgabe 1.2019

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