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Anruf nach Arbeitsunfall

Der erste Kontakt

Das Foto zeigt den etem-Redakteur Christoph Nocker im Gespräch mit Silke Munier. Beide sitzen an einem Tisch und haben Unterlagen vor sich liegen.

Silke Munier im Gespräch mit etem-Redakteur Christoph Nocker.

Frau Munier, wenn der Berufsgenossenschaft ein Arbeits- oder Wegeunfall gemeldet wird, setzt sich der Unfallsachbearbeiter oft mit der verletzten Person telefonisch in Verbindung. In welchen Fällen erfolgt eine solche Kontaktaufnahme?

Silke Munier: Um das zu erläutern, muss ich etwas ausholen. Der BG ETEM werden eine Vielzahl von Unfällen gemeldet. Da gibt es leichte Verletzungen, wie z. B. leichte Prellungen, die unproblematisch ausheilen und keine Steuerung durch den Sachbearbeiter benötigen. Diese Versicherten werden nicht angerufen. Darüber hinaus gibt es aber auch komplexere Fälle. Erste Informationen erhalten wir aus dem Durchgangsarztbericht. Diesen werten wir aus und wenn es sich nicht um eine Bagatellverletzung handelt, rufen wir die Versicherten an. Der telefonische Erstkontakt dient uns dabei quasi als Werkzeug, um so viele Informationen wie möglich über den Versicherten und seine Situation nach dem Unfall zu erfahren. Diese benötigen wir, um das Heilverfahren zu steuern und entscheiden zu können, ob eine intensivere Betreuung durch das Reha- Management erforderlich ist.

Wann rufen Sie die Versicherten zum ersten Mal an?

In der Regel zwischen dem 8. und dem 18. Tag nach dem Unfall. Zu diesem Zeitpunkt geht man davon aus, dass die Schockphase überwunden und der Versicherte in der Lage ist, mit uns über seine Situation nach dem Unfall und die weiteren Schritte in der Rehabilitation zu sprechen.

Dieses Foto zeigt Silke Munier während sie telefoniert. In der rechten Hand hält sie einen Kugelschreiber und notiert etwas auf einer Unterlage.

Silke Munier ruft verletzte Versicherte einige Tage nach ihrem Arbeitsunfall an.

Was klären Sie in diesem Gespräch?

Zunächst einmal stelle ich mich als zuständige Sachbearbeiterin vor, damit der Versicherte mich als Ansprechpartnerin kennenlernt. Dann spreche ich die Leistungen der Berufsgenossenschaft an, zum Beispiel Verletztengeld als Entgeltersatz, Fahrtkostenerstattung und natürlich die Steuerung des Heilverfahrens – unsere Hauptaufgabe. Ich möchte einfach vermitteln, wir sind da, wenn es Probleme gibt. Dabei versuche ich auch mögliche Kontextfaktoren zu ermitteln.

Was sind Kontextfaktoren?

Das sind alle Faktoren, die den Lebenshintergrund einer Person ausmachen. Erfasst werden dabei sowohl Umweltfaktoren als auch personenbezogene Faktoren. Da geht es z. B. darum: Welche Fortschritte macht die Genesung? Welche Beeinträchtigungen gibt es noch? Wie mobil ist der Versicherte? Wie sieht das familiäre Umfeld aus? Gibt es Bezugspersonen, die unterstützen können? Wie geht es dem Versicherten psychisch? Hat er Angst seine Arbeit zu verlieren? Wie hoch ist die Motivation in den Betrieb und Beruf zurückzukehren? Alle diese Faktoren helfen uns zu bewerten, ob dieser Fall ins Reha- Management gehört, um ihn dann über die Reha-Beratung optimal zu versorgen.

Können Sie uns einige ganz konkrete Beispiele nennen, wie Sie Hilfestellungen leisten können?

Ein Beispiel wäre, jemand hat eine schwerere Schnittverletzung mit einer Verletzung der Nerven und dadurch in zwei Fingern kein Gefühl mehr. Beruflich benötigt er aber seine Hände, um schwere Gegenstände zu tragen. Hier kann die berufliche Wiedereingliederung gefährdet sein. Diesen Fall haben wir in der Fallkonferenz besprochen, mit dem Ergebnis, dass ein Reha-Berater die berufliche Situation vor Ort mit dem Versicherten besprochen hat. Häufig bestehen Versorgungsängste, weil die Entgeltfortzahlung ausläuft, dann klären wir über das Verletztengeld auf. Wir erläutern, wann ein Anspruch auf Verletztengeld besteht und wie hoch die Leistungen sind. Letztens hatte ich einen Fall, wo jemand im Betrieb Opfer einer Verpuffung war und die Unfallsituation immer wieder durchlebte, durch Albträume etc. In diesem Fall habe ich in Abstimmung mit dem Versicherten einen Psychotherapeuten eingeschaltet.

Wie geht es nach dem Erstkontakt weiter?

Nach dem Gespräch schreiben wir einen Vermerk, in dem alle Informationen, die für eine erfolgreiche Heilverfahrenssteuerung wichtig sein können, dokumentiert werden. Dieser Vermerk dient dann als eine Grundlage für die Fallkonferenz. Die wird einberufen, wenn eine Sachbearbeiterin oder ein Sachbearbeiter vorschlägt, einen Fall ins Reha-Management aufzunehmen. Gemeinsam diskutieren Sachbearbeiter, Reha-Berater und Teamleiter den Vorschlag. Der Teamleiter oder die Teamleiterin entscheidet nach Abwägung aller vorgetragenen Argumente, ob der Fall an einen Reha-Berater übergeben wird.

Das Foto zeigt Silke Munier an ihrem Arbeitsplatz bei der BG ETEM. Sie schaut auf ihren Monitor. Im Vordergrund ist eine orangefarbene Schreibtischlampe zu sehen.

Im Gespräch sammelt sie Informationen über die Versicherten und ihre Situation nach dem Unfall. Danach entscheidet sich, ob das Reha-Management zum Tragen kommt.

Welche Vorteile haben der Versicherte und die Berufsgenossenschaft vom telefonischen Erstkontakt?

Der Versicherte hat den Vorteil, dass er seinen Ansprechpartner kennt, Vertrauen fasst und weiß, da ist jemand, der sich im Hintergrund um die medizinische, berufliche und soziale Rehabilitation sowie die finanzielle Versorgung nach dem Unfall kümmert. Für beide Seiten liegt der Nutzen darin, dass die Unfallsachbearbeiterin oder der Unfallsachbearbeiter wichtige Informationen vom Versicherten direkt und schnell erhält und so in die Lage versetzt wird, das Heilverfahren effizienter zu steuern. Durch den persönlichen Kontakt erhöht sich die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Sachbearbeiter und Versichertem, beide verfügen über den gleichen Informationsstand. So können wir möglicherweise verhindern, dass das Heilverfahren stagniert und sich die berufliche Wiedereingliederung verzögert.

Wie reagieren die Versicherten auf Sie, wenn Sie sich nach einem Unfall bei ihnen melden. Haben Sie da mit Vorbehalten zu kämpfen?

Bisher noch nie. Die Angerufenen waren durchweg grundsätzlich positiv eingestellt, freuten sich, dass sich jemand meldet und sich kümmern will. Aber wir wurden ja auch speziell auf diese Anrufe vorbereitet und geschult. Inhalt der Schulung war sowohl der Umgang mit speziellen Gesprächssituationen als auch die Frage, wie erkenne und bewerte ich die Kontextfaktoren richtig.

Weiterführende Informationen, wie die BG ETEM Ihnen im Falle eines Unfalls oder einer Berufskrankheit hilft, finden Sie im Internet unter www.bgetem.de, Webcode: 11211111

Zur Person

Silke Munier kümmert sich als Sachbearbeiterin bei der BG ETEM darum, dass Versicherte nach Arbeitsunfällen bestmöglich versorgt und medizinisch behandelt werden. Sie überwacht das Heilverfahren, fordert Gutachten an und berechnet alle Sach- und Geldleistungen. Das dazu notwendige Wissen hat sie in einem dualen Studium mit Bachelor- Abschluss des Studiengangs „Sozialversicherung, Schwerpunkt Unfallversicherung“ erworben.

Das Porträtfoto zeigt Silke Munier Sachbearbeiterin bei der BG ETEM. Sie hat lange braune Haare und trägt einen geblümten Schal.

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