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Verkettete Anlagen

Tragödie im Trockner

Diese Illustration zeigt einen verletzten Mann auf dem Boden liegend. Eine Mitarbeiterin schaut entsetzt in Richtung ihres Kollegen. Er ist über drei Förderbandkaskaden gestürzt.

Über drei Förderbandkaskaden stürzte Herbert K. einer Mitarbeiterin vor die Füße.
 

Es riecht nach frischer Wäsche. Im Finishbereich einer Großwäscherei laufen die getrockneten Wäschestücke über ein Transportband zu den Sortierarbeitsplätzen. Flinke Hände ordnen die sauberen Teile. Da bemerkt eine Mitarbeiterin dunkle Anhaftungen an weißen Wäschestücken.

Gelangen mit Kunststoff beschichtete Teile, wie Socken mit rutschfester Sohle, unbemerkt in die große Waschröhre, kann sich der Kunststoff bei den heißen Temperaturen im Trockner ablösen. Kleinste plastifizierte Teile kleben an der Trocknerwand oder an anderen Wäscheteilen. Besonders bei hellen Textilien ist dann eine intensive Nachbehandlung fällig.

Die Mitarbeiterin informiert den Instandhaltungsbereich. Der Trockner muss schnell gereinigt werden. Eine mühselige Arbeit. Hauselektriker Herbert K. musste schon öfter in eine der noch nicht abgekühlten Trommeln steigen und die Verklebungen vorsichtig abkratzen.

Die Mitarbeiterinnen im Sortierbereich schalten die Anlage ab und gehen in den Pausenraum. Elektriker Herbert K. klettert mittels Steigleiter auf die Trocknerbühne in etwa vier Metern Höhe. Er sucht den mannshohen Trockner, in dem sich die Verschmutzungen befinden. In der Trommel ist es heiß, eng und stickig. In gebeugter Haltung, halb liegend versucht er die Verklebungen zu beseitigen.

Nach einer Viertelstunde Säuberung bemerkt Herbert K., wie die Trommel beginnt, sich wieder zu drehen. Das ist seine letzte Erinnerung, bevor er im Krankenhaus auf der Notfallstation erwacht. Herbert K. hätte tot sein können. Im Trockner wird er mehrfach gegen die Wandungen geschleudert, an denen sich Auskragungen zum Transport der Wäsche befinden. Er verliert das Bewusstsein und wird hilflos aus der Trommel auf das Förderband gekippt. Wie ein schwerer Sack fällt er über drei Förderbandkaskaden aus vier Metern Höhe nach unten den Sortiererinnen direkt vor die Füße.

Eine der Mitarbeiterinnen erleidet einen Schock. Sie war es, die nach der Pause die Anlage eingeschaltet hatte. Dass sich in einem der weit oben angeordneten Trockner ein Mensch befindet, konnte sie nicht sehen. Auch am Bedienpult deutete kein Hinweisschild auf die Reparaturarbeiten hin. Der Unfall zeigt deutlich, dass bei Reparaturen an weiträumigen verketteten Anlagen die Eigensicherung der Servicetechniker überlebenswichtig ist. Wie für Arbeiten an elektrischen Betriebsmitteln die fünf Sicherheitsregeln gelten, müssen auch bei allen anderen Instandhaltungsarbeiten folgende Maßnahmen eingehalten werden:

Das Foto zeigt ein Schild rotweiß in der Mitte durchgestrichen. Im Vordergrund eine schwarze Hand, im Hintergrund eine Person mit geöffnetem Mund. Das Schild hängt an einer rotweißen Kette.

Dieses Foto zeigt einen Zettel mit einem Zeichen in rotweiß. Dieser Zettel ist mit Klebestreifen an einen Monitor geklebt.

Bei Arbeiten muss der Zugang zur Anlage gesperrt und sie wirksam gegen Wiedereinschalten gesichert sein. Ein Zettel mit Klebestreifen reicht da nicht aus.

 1. Gesamtanlage oder Anlagenabschnitte freischalten

Für die Fehlersuche an einer defekten Anlage ist oft das Gehör die wichtigste Sinneswahrnehmung. Viele Instandhalter meinen, nur durch den Gang ins Innere einer laufenden Anlage könne der Fehler lokalisiert werden. Sicherheitseinrichtungen werden abgebaut oder umgangen, um die Ursache möglichst nahe an der vermeintlichen Fehlerquelle zu analysieren.

Eine kurze Unaufmerksamkeit genügt und die Hand wird zwischen zwei benachbarten Walzen eingezogen. Vor Beginn jeder Reparatur ist deshalb die Anlage, oder wenn möglich, der betreffende Anlagenabschnitt am Hauptschalter auszuschalten.

2. Gegen Wiedereinschalten sichern

Verkettete Anlagen sind schwer zu überblicken. Die Betriebssicherheitsverordnung fordert in § 8 Abs. 6, dass vom jeweiligen Bedienungsort des Arbeitsmittels feststellbar sein muss, ob sich Personen oder Hindernisse im Gefahrenbereich befinden oder ein automatisch ansprechendes Sicherheitssystem das Ingangsetzen verhindert, solange sich Beschäftigte im Gefahrenbereich aufhalten.

In der Praxis wird dies bei Reparaturarbeiten nicht immer einzuhalten sein, da sich die Störungsstelle oft von außen nicht einsehbar im Innern der Anlage befindet. Deshalb ist bei diesen Arbeiten besonders wichtig, dass Einrichtungen zum Sichern gegen Wiedereinschalten verwendet werden. Dies können sein: verschließbare Schalter, Schalterabdeckungen, abnehmbare Schalthebel.

Der Reparateur muss verhindern, dass während der Störungsbehebung die Anlage eingeschaltet werden kann. Weiterhin ist ein Verbotszeichen mit der Aussage „Nicht schalten“ und erforderlichenfalls der zusätzlichen Aussage „Es wird gearbeitet/ Ort …/Entfernen des Schildes nur durch …“ gut sichtbar in unmittelbarer Nähe des Ausschalters fest anzubringen. Ein Klebestreifen, der das Schild schon beim leisen Windzug „loslässt“, genügt nicht.

3. Verhinderung von gefahrbringenden Bewegungen infolge gespeicherter Energie

Nach dem Abschalten der Anlage können noch Restenergien gespeichert sein. Insbesondere thermische Gefahren durch erhitzte Oberflächen stellen ein Verbrennungsrisiko dar. In der Nähe solcher Teile darf erst gearbeitet werden, wenn die Temperatur gesunken ist oder entsprechende Persönliche Schutzausrüstung getragen wird. Druckenergie kann in pneumatischen oder hydraulischen Anlagenteilen gespeichert sein. Auch Warenspannungen in Textilverarbeitungsanlagen können über einen längeren Zeitraum eine hohe Druckspannung halten. Vor Beginn der Reparatur ist die Restenergie an diesen Anlagenteilen durch Druckfreimachen, Entlüften, Absenken und/oder Entspannen abzuleiten.

4. Zusatzmaßnahmen bei Arbeiten an bewegten Teilen

Wenn Instandhaltungsarbeiten nicht bei Stillstand möglich sind, müssen die vorhandenen Schutzeinrichtungen (z. B. Verkleidungen, Verdeckungen, Umzäunungen, Umwehrungen, Zweihandschaltungen, Lichtvorhänge, Lichtschranken, Laser- Scanner, Schaltmatten, Schaltleisten und Pendelklappen) aktiv sein.

Einen absoluten Ausnahmefall stellt die Reparatur in der Nähe bewegter Teile dar, bei denen die vorhandenen Sicherheitseinrichtungen aus technischen Gründen nicht verwendet werden können. Dann sind besondere Zusatzeinrichtungen notwendig, die

  • das Eingreifen in Gefahrstellen entbehrlich machen (z. B. Hilfswerkzeuge, Zangen, Greifer, Robotersysteme),
  • das Erreichen benachbarter Gefahrstellen verhindern (z. B. Abschrankungen, Abtrennungen oder Verdeckungen),
  • das schnelle Stillsetzen gefahrbringender Bewegungen ermöglichen (z. B. tragbarer Adapter als Drei-Punkt-Zustimmungsschalter oder Not-Aus-Schalter),
  • die Geschwindigkeit oder Kraftwirkung der gefahrbringenden Bewegungen so herabsetzen, dass das Risiko einer Verletzung nicht gegeben ist.

Weiterführende Maßnahmen sind im Artikel „Sichere Instandhaltung von Maschinen“ dargestellt.

Herbert K. hätte den Unfall vermeiden können, wenn er vor der Reparatur die Anlage wirksam und deutlich erkennbar gegen Wiedereinschalten gesichert hätte – z. B. mit einem Vorhängeschloss am Hauptschalter. Nach sechs Wochen konnte Herbert K. seine Arbeit wieder aufnehmen, hat aber noch Schmerzen im Rückenbereich. Kopfschüttelnd denkt er an den Unfalltag zurück. Schließlich wisse er als Instandhalter, wie wichtig die Eigensicherung zum Beispiel mit einem Vorhängeschloss am Anlagenhauptschalter sei. Doch: „Es war ja Pause und ich dachte, in zehn Minuten ist alles erledigt, warum dann erst das Schloss anbringen. Im Nachhinein betrachtet – ein fataler Irrtum.“

Dr. Ronald Unger

Hintergrund:

Wenn Maschinen und Transporteinrichtungen aus mehreren Komponenten eine technologische Gesamtheit bilden, sind dies „verkettete“ Anlagen. Typische Prozesse dieser Art sind in der Spinnerei, bei der Vliesherstellung, in der Warenschau oder in Großwäschereien anzutreten. Die Instandhaltung der verketteten Anlagen birgt ein besonders hohes Unfallrisiko, da  Reparaturpersonal und Bediener die Anlage wegen der großen räumlichen Ausdehnung nicht vollständig überblicken können.

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