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Risiken durch Hantaviren

Kleines Tier – große Gefahr

Hier wird eine vergrößerte braune Maus gezeigt, die in Richtung des Betrachters guckt.

 

Der folgende Einzelfall ereignete sich im Sommer 2016 und zeigt, wie eine Hantavirus-Infektion durch konsequentes Arbeitsschutz- und Gesundheitsmanagement eingegrenzt werden konnte. Die Uniper Energy Storage GmbH betreibt am Standort Gronau-Epe (nördliches Münsterland) Gasspeicher, um Erdgas untertägig in Kavernen vorzuhalten und bei Bedarf dem Markt zur Verfügung zu stellen. Auf den obertägigen Kavernenplätzen befinden sich Schaltschränke, die zur Steuerung der Gasspeicher dienen und bei denen technische Ausrüstungen ausgetauscht werden mussten.

Eine Elektrofachkraft wurde damit beauftragt, die Schaltschränke zu prüfen, um zunächst den Umfang der späteren Austauscharbeiten festzulegen. Dabei mussten die Schaltschranktüren geöffnet sowie innenliegende Blenden, die eine Sicht auf ggf. auszutauschende Bauteile versperrten, demontiert werden. An der elektrischen Anlage sollte zu diesem Zeitpunkt noch nicht gearbeitet werden.

Nach Öffnung eines Schaltschrankes auf einem Kavernenplatz erkannte der Mitarbeiter Verunreinigungen und entfernte diese von Hand. Dabei trug er – da es für diese Tätigkeiten bislang nicht als notwendig erachtet wurde – keine Schutzhandschuhe. Anschließend wischte er sich die verunreinigten Hände grob an der Hose ab, da eine weiterführende Reinigung vor Ort nicht möglich war. Kurz danach wurden die Arbeiten auf dem Gelände des nächsten Kavernenplatzes fortgesetzt. Dort musste der Mitarbeiter Schaltpläne einsehen: Beim Umblättern der Pläne hat er vermutlich mehrfach einen noch verunreinigten Finger mit den Lippen und/oder der Zunge befeuchtet.

Kopf- und Gliederschmerzen

Nach etwa 14 Tagen zeigten sich über Kopf- und Gliederschmerzen sowie Husten erste Anzeichen eines „grippalen Infektes“. Einige Tage später meldete sich der Mitarbeiter arbeitsunfähig und wurde kurz danach in ein Krankenhaus eingeliefert. Dort wurde eine Hantavirus-Infektion diagnostiziert. Der Mitarbeiter fiel krankheitsbedingt insgesamt 24 Wochen aus. Erst Anfang 2017 konnte er seine Arbeit wieder in vollem Umfang aufnehmen.

Gefährliche "Grippe"

„Ich dachte, ich hätte eine Grippe und bin auch mit diesem Gefühl zum Arzt gegangen. Ein paar Tabletten, ein bisschen Ruhe und alles ist gut. Dass ich ein paar Stunden später mit akutem Nierenversagen auf der Intensivstation gelandet bin und anschließend ein halbes Jahr krank war, hätte ich niemals erwartet.“

Leistungen der BG ETEM

Die Erkrankung wurde zwischenzeitlich beim Versicherten als Berufskrankheit anerkannt (BK-Nr. 3102 „Von Tieren auf Menschen übertragbare Krankheiten“). Die BG ETEM zahlte insbesondere die Kosten für medizinische Behandlung, Verletztengeld, Rehabilitation und Sozialversicherungsbeiträge.

Medizinische Grundlagen

Ein großer Teil der Hantavirus-Infektionen verläuft ohne oder mit unspezifischen Symptomen, sodass die Erkrankung häufig als grippaler Infekt angesehen wird und die Betroffenen sie nicht diagnostisch abklären lassen. Je nach Verursacher-Virustyp können Hantaviren unterschiedlich schwere Krankheitsbilder hervorrufen.

Eine Hantavirus-Erkrankung beginnt meist mit abrupt einsetzendem Fieber, das über drei bis vier Tage anhält. Begleitend treten grippeähnliche Symptome wie Kopfschmerzen und Gliederschmerzen auf. Europäische Hantavirus-Stämme sind Auslöser des Hämorrhagischen Fiebers mit renalem Syndrom (HFRS), bei dem es zu einer entzündlichen Nierenerkrankung mit Beteiligung des zell- und blutgefäßreichen Bindegewebes der Nieren, Schädigung der Gefäßinnenwände und Blutgerinnungsstörungen kommt. Äußerlich sichtbar können kapillare Einblutungen an Haut und Bindehäuten sein.

Schwere Verläufe der Hantavirus-Erkrankung sind in Deutschland selten, müssen aber je nach klinischem Zustand, Blutgerinnungs- und Nierenfunktion unter Umständen intensivmedizinisch behandelt werden. Eine Hantavirus-Erkrankung wird symptomatisch behandelt. Dies umfasst unter Umständen eine intensivmedizinische Behandlung zur Beherrschung von Blutungen, zur Stabilisierung des Kreislaufs und zur Therapie einer akuten Nierenunterfunktion mittels Dialyse (Blutwäsche).

Eine rasche Verschlechterung der Nierenfunktion (< 48 h) mit Aufstau harnpflichtiger Stoffe im Blut kann zum akuten Nierenversagen führen. In 50 Prozent dieser Fälle führt dies zum Tod. Erholt sich die Nierenfunktion nach akutem Nierenversagen innerhalb von zwei bis drei Wochen, bleibt bei ebenfalls etwa 50 Prozent der Patienten ein dauerhafter Nierenschaden zurück. Nach einer überstandenen Infektion bleiben Betroffene dagegen wahrscheinlich lebenslang gegen diesen Virustyp immun.

Aktuell steht weder ein zugelassener Impfstoff noch eine spezifisch gegen den Erreger gerichtete Therapie zur Verfügung. Eine Übertragung von Hantaviren von Mensch zu Mensch findet bei den in Europa vorherrschenden Virustypen nicht statt. Eine Hantavirus-Erkrankung mehrerer Personen aus dem gleichen Arbeitsumfeld lässt meist auf eine identische Infektionsquelle schließen.

Diese Abbildung zeigt die Deutschlandkarte auf der in verschiedenen Farben die betroffenen Landkreise markiert sind, wo die Hantavirus-Infektionen ( die gemeldet wurden) aufgetreten sind.

Hantavirus-Infektionen: Anzahl der gemeldeten Fälle pro 100.000 Einwohner 2014-2016. In Klammern die Zahl der betroffenen Landkreise.

 

In Mitteleuropa nachgewiesene Hantaviren und ihre Reservoirwirte

Virus Reservoirwirt Erkrankung/Bemerkung
Puumala (PUUV) Rötelmaus (Clethrionomys glareoulus) HFRS (Neprhopatioa epidemica)
Dobrova  (mitteleuropäische Variante, DOBV-Aa) Brandmaus (Apodemus agrarius) HFRS (wahrscheinlich ähnlich der
Neprhopatioa epidemica)
Tula (TULV) Feldmaus (Microtus arvalis) Nicht bekannt
Dobrava (Südosteuropäische Variante, DOBV-Af ) Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) Auf Balkan schweres HFRS, Virus
wurde auch am südöstlichen Rand
von Mitteleuropa nachgewiesen

Das Foto zeigt eine Person mit weißem Schutzhelm und weißem Schutzoverall beim Entfernen von Verunreinigungen. Vor ihm liegt ein blauer Müllsack.

Persönliche Schutzausrüstung beim Entfernen von Verunreinigungen.

Anforderungen an Schutzmaßnahmen

Hantaviren können auch außerhalb des Wirtsorganismus je nach Temperatur, Luftfeuchtigkeit und weiteren Bedingungen für mehrere Tage infektiös bleiben. Nicht nur durch direkten Kontakt zu lebenden oder toten Tieren kann man sich infizieren, sondern auch über Kontakt mit Ausscheidungen (Speichel, Urin, Kot) infizierter Nagetiere. Beispielsweise können die Erreger über kontaminierten Staub eingeatmet werden oder es kann zur Infektion über kontaminierte Gegenstände (Schmierinfektion wie im vorliegenden Fall sowie Hautverletzungen) kommen.

Da Nager und deren Ausscheidungen „zufällig“ im jeweiligen Arbeitsbereich auftreten können, kann das Risiko einer Hantavirus-Infektion nur verringert werden, indem der Kontakt gezielt vermieden wird. Dazu gehört vor allem, dass man das Eindringen von Nagern in Arbeitsbereiche sowie in die nähere Umgebung verhindert. Kontakte mit Nagetieren und deren Ausscheidungen sollte man vermeiden, vor der Reinigung von Räumen mit Nagerbefall sollten zudem alle Fenster und Türen zum Lüften für mindestens 30 Minuten geöffnet bleiben. Bei Reinigungs- und Aufräumarbeiten ist die Staubentwicklung zu minimieren.

Finden sich Ausscheidungen oder tote Nager im Arbeitsbereich, so müssen sie sicher beseitigt werden. Kadaver und Ausscheidungen sind vor der Entsorgung mit Desinfektionsmittel zu benetzen. Danach müssen verwendete Arbeitsmittel sowie die Arbeitsbereiche desinfizierend gereinigt werden. Dazu eignen sich mindestens begrenzt viruzide Produkte aus Tabelle 2 der Liste der vom Robert Koch-Institut (RKI) geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren (siehe „info“).

Grundsätzlich ist bei der Verwendung von Desinfektionsmitteln die Einwirkzeit nach den Herstellerangaben zu berücksichtigen. Die Einwirkzeit bei Flächen bzw. Wischdesinfektion kann je nach Produkt 60 bis 240 Minuten betragen. Alle genannten Maßnahmen sollten nur mit Einweg-Schutzhandschuhen aus Nitril mit verlängertem Schaft vorgenommen werden. Dabei müssen die Handschuhe auch gegenüber den verwendeten Desinfektionsmitteln beständig sein.

Lassen sich Staubaufwirbelungen im Einzelfall nicht vermeiden, so ist weitere Persönliche Schutzausrüstung (PSA) notwendig, zum Beispiel

  • partikelfiltrierender Atemschutz (im Handel erhältlich als Feinstaubmaske) FFP3 mit Ausatemventil,
  • Korbbrille,
  • Einweg-Overall Chemikalienschutz Typ 4B ,
  • geschlossene, leicht zu reinigende desinfizierbare Schuhe oder Stiefel.

Wichtig: Nach Verlassen des Arbeitsbereiches die PSA vorsichtig ablegen und PSA zum mehrfachen Gebrauch (Korbbrille, Schuhwerk) sachgerecht reinigen und desinfizieren! Dazu erst die Kleidung ausziehen, dann Atemschutz und Schutzhandschuhe ablegen! Abschließend die Hände reinigen und desinfizieren.

Mindestens begrenzt viruzide Desinfektionsmittel zur Händedesinfektion sind in Tabelle 3 der RKI-Liste aufgeführt, die Einwirkzeit beträgt jeweils eine halbe Minute. Die Beschaffung und die anschließende Anwenderschulung sollten vom Betriebsarzt begleitet werden. 

Korrekturmaßnahmen des Unternehmens

Nachdem der erkrankte Mitarbeiter der Betriebsleitung die Diagnose mitgeteilt hatte, setzten sich noch am selben Tag die Betriebsleitung, die Sicherheitsfachkraft und der externe Betriebsarzt zusammen, um weitere Schritte abzustimmen.

Im ersten Schritt wurden folgende Sofortmaßnahmen veranlasst:

  • Die Arbeiten in diesem Bereich wurden gestoppt und die Aktivitäten im Rahmen des gesamten Projekts auf ein Minimum heruntergefahren.
  • Der Betriebsarzt informierte die Mitarbeiter und die Betriebsleitung persönlich zu Hantavirus, Krankheitsverlauf, Symptomen, Übertragung der Krankheitserreger, getroffenen Schutzmaßnahmen, Hygiene.
  • Das Unternehmen erstellte eine Betriebsanweisung gemäß § 14 Abs. 1 Bio- StoffV mit den wesentlichen Anforderungen:
    • Festlegung der Schutzmaßnahmen wie PSA (Brille, Filtermaske FFP3, Nitril-Handschuhe),
    • geeignete Desinfektionsmittel für Hände sowie für Flächen und Arbeitsmittel,
    • Befeuchtung der vorgefundenen Exkremente vor ihrer Aufnahme,
    • Verbot von Staubsaugereinsatz,
    • Entsorgung der bei der Reinigung aufgenommenen Rückstände von Nagern sowie der eingesetzten Einweg-PSA (Handschuhe und Maske) und der notwendigen Hygiene. 

Im zweiten Schritt wurden folgende Maßnahmen veranlasst:

  • Die vorhandene Gefährdungsbeurteilung, die bezogen auf Gefährdungen durch Tiere und biologische Arbeitsstoffe bis dato lediglich z. B. Zeckenbisse, Insektenstiche, ausgelegte Köder in Kabelschächten etc. umfasste, wurde um den Punkt Gefährdungen durch Tier-Kadaver oder Exkremente unter Bezugnahme auf den Hantavirus erweitert.
  • Für das Arbeitsverfahren „Arbeiten an Schaltschränken und Verteilerkästen, Kabelkanälen o. Ä., in denen Rückstände von Nagetieren vorgefunden werden“ wurde eine Betriebsanweisung erstellt. Darin wurden sämtliche Erkenntnisse über Gefährdungen und die oben genannten Schutzmaßnahmen zusammengefasst.
  • Die Service-Fahrzeuge wurden mit der nötigen PSA und den Desinfektionsmitteln ausgestattet.

Im Anschluss daran wurden die weiteren Speicheranlagen durch die interne HSEQ-Abteilung ausführlich über den Vorfall informiert. Zudem ist das Thema Hantavirus in den internen Schulungsplan und die arbeitsmedizinische Prävention eingeflossen, um langfristig das Bewusstsein zu schärfen – sowohl für die tägliche Arbeit als auch den privaten Bereich.

Zukünftig sollen die Kabeldurchführungen der Schaltschränke im Außenbereich (Kavernenplätze) so verschlossen werden, dass sie für Nagetiere nicht mehr zugänglich sind.

Risiko auch im Privatbereich ausschließen

Auch im Privatbereich sollte man aufmerksam sein. Dies gilt insbesondere

  • für den Aufenthalt in und bei der Reinigung von Scheunen, Schuppen, Ställen oder Häusern, in denen Nager vorkommen oder vorkamen,
  • bei Aktivitäten im Freien, die zum Kontakt mit Nagern und/oder deren Ausscheidungen führen können (z. B. Gartenarbeiten, Holzschlagen oder -stapeln, Jagen, Joggen, Zelten) sowie
  • beim Aufenthalt in Gegenden, in denen sich Nager stark vermehrt haben und in hoher Dichte vorkommen.

 

Martin Bachem und Dirk Pachurka (BG ETEM) Holger Schmidt (Uniper Energy Storage GmbH)

 

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Hantavirus und zum Regelwerk im Internet:

  • Biostoffverordnung
  • TRBA 230 „Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit biologischen Arbeitsstoffen in der Land- und Forstwirtschaft und vergleichbaren Tätigkeiten“ unter www.baua.de, Suche „TRBA 230“
  • Loseblattsammlung Biologische Arbeitsstoffe der SVLFG (Blatt B.01.10 „Hantavirus“) unter www.svlfg.de > Prävention > Fachinformationen von A – Z > Gesundheitsschutz > Biologische Arbeitsstoffe > B.01.10
  • www.baua.de, Themen > Biostoffe
  • Gestis-Biostoffdatenbank für biologische Arbeitsstoffe unter www.dguv.de/ifa/gestis/gestis-biostoffdatenbank/index.jsp
  • www.rki.de > Infektionsschutz
  • Eine Übersicht der in Mitteleuropa nachgewiesenen Hantaviren wurde im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht (Deutsches Ärzteblatt, Jg. 9, Heft 10, 8. März 2002).

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